Arbeitszeiten der Lehrerinnen und Lehrer

24.01.1997 16:19
Stadt:  Kiel

Von: Anke Spoorendonk

Unmittelbar scheint die Idee, neue Arbeitszeitmodelle in Schulen einzuführen, bestechend und einfach. Die Arbeitszeiten der Lehrerinnen und Lehrer würden präziser bestimmt. Es böte sich die Möglichkeit, flexible Arbeitszeitregelungen einzuführen, wie man sie sich für den Rest des Arbeitsmarktes wünschen könnte. Obendrein hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sich schon seit langem mit dem Thema beschäftigt; man hat also kompetente Ansprechpartner auf der Lehrerseite.
Allerdings gilt die ungetrübte Freude auch nur auf den ersten Blick, denn beim genaueren Hinsehen entdeckt man, daß hier ein großes Konfliktpotential schlummert. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich unterstütze die Arbeit mit solchen Modellen voll und ganz. Allerdings glaube ich, daß es ein steiniger Weg dorthin führt.

Die Regierungsfraktionen sehen neuen Arbeitszeitregelungen zum einen unter dem Aspekt der Moderniserung des Schulwesens und andererseits als eine Möglichkeit, Finanzprobleme und steigender Schülerzahlen zu bewältigen.
Die GEW sieht in der Neubewertung der Arbeitszeiten die Chance, aufzuzeigen, daß die Gesamtarbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern unterschätzt wird.
Die Hofffnung der Antragsteller ist es unter anderem, daß der Bildungshaushalt durch neue Strukturen entlastet wird, und daß ein kommender Mehrbedarf an Unterrichtsstunden durch Arbeitszeitregelungen möglichst kostenneutral bewältigt werden kann. Die Konklusion der Gewerkschaften wird wahrscheinlich sein, daß zusätzliche Lehrkräfte erforderlich sind, weil den Lehrerinnen und Lehrern mehr derjenigen Arbeitszeit angerechnet werden soll, in denen sie nicht unterrichten.

Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe, und ich kann bis jetzt nicht sehen, wie man die beiden unter einen Hut bringen will. Beide Argumentationen sind nämlich gut nachvollziehbar.
Es kommen demographisch begründete Probleme auf uns zu, und eine flexible Lebensarbeitszeit wäre ein bestechend guter Ausweg. Aber auch der andere Argumentationsstrang leuchtet ein. Viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer verwenden mehr Zeit für Unterrichtsvorbereitung, Qualitätssicherung in der Schule usw. als ihnen angerechnet wird. Ihnen würde eine neue Regelung wahrscheinlich entgegenkommen, selbst wenn Schulassistenten eingestellt werden. Außerdem sind Schulen zunehmend gesellschaftspolitisch gefordert, was auch zusätzliche Arbeit bringt.

Ich kann dem Antrag zustimmen. Mein Vorschlag für das weitere Verfahren wäre aber, daß man die Frage des Schülerzuwachses von der Frage eines neuen Arbeitszeitmodells trennt. Sie können beide in der geforderten Fachkommission beraten werden, aber man sollte sie nicht koppeln. Ansonsten, befürchte ich, werden die guten Ideen in einem Streit zwischen Finanzpolitikern, Bildungspolitikern und Gewerkschaften untergehen.
Außerdem muß unbedingt beachtet werden, daß wir durch neue Regelungen nicht große bürokratische Hemmnisse schaffen dürfen. Genau dieses ist nämlich das Manko der dänischen Arbeitszeitregelungen für Lehrerinnen und Lehrer, die ja auch hierzulande als Vorbild gelten.
Wir brauchen ein wohlüberlegtes, zukunftsträchtiges Modell, das nicht angesichts der drohenden Probleme im Schulbereich übereilt durchgezogen werden darf.