Probleme in der Notfallversorgung müssen dringend angegangen werden

220 15.11.2017 15:06
TOP:  25
Drucksache:  19/314

Flemming Meyer zu TOP 25 - Sektorgrenzen öffnen – Notfallambulanzen entlasten

Ich kann für den SSW direkt vorwegnehmen, dass wir diesen Vorstoß begrüßen. Denn wir stehen im Bereich der Notfallversorgung vor ganz erheblichen Problemen, die dringend intensiver bearbeitet werden müssen. Der vorliegende Antrag liefert hierfür richtige Ansatzpunkte und sollte im Ausschuss umfassend beraten werden. 

Egal ob ich mit den Pflegekräften oder mit den Ärztinnen und Ärzten in den Notaufnahmen spreche: Ihre Situation ist mehr als angespannt und die Überlastung wird wirklich überall deutlich. Hilfebedürftige können oft einfach nicht mehr den Ansprüchen entsprechend versorgt werden. Auf der einen Seite wächst damit die Überforderung - und auf der anderen Seite natürlich die Unzufriedenheit. Das ist natürlich alles nachvollziehbar. Aber im Ergebnis ist die Stimmung oft feindselig oder sogar richtig aggressiv. Viele, die in diesem Bereich arbeiten, berichten, dass verbale Gewalt zur Tagesordnung gehört. Ich denke eins ist damit klar: Solche Rahmenbedingungen sind für alle Beteiligten schlecht. Und wir sollten uns deshalb weiter dafür einsetzen, dass sich die Verhältnisse hier deutlich verbessern. 

Eine ganz wesentliche Ursache für die hohe Arbeitsbelastung in den Notfallambulanzen liegt bekanntlich darin, dass hier Menschen behandelt werden, die woanders genauso oder sogar besser versorgt werden können. Verschiedene Gutachten zeigen, dass rund ein Drittel der Patientinnen und Patienten unnötig Kapazitäten in den Notaufnahmen der Krankenhäuser binden. Und Untersuchungen belegen, dass es in Deutschland jährlich rund 3,5 Millionen vermeidbare Notaufnahmen gibt. 3,5 Millionen Behandlungen, die eben eigentlich keine Notfälle sind. Alles Fälle, die durch entsprechende Aufklärung oder durch rechtzeitige Beratung und Zuweisung ebenso gut auf einem anderen Weg hätten versorgt werden können.

Leider deutet bisher nichts darauf hin, dass sich diese Entwicklung abschwächt. Für den SSW ist deshalb klar, dass wir Entlastung schaffen müssen. Wir sind vor allem der Auffassung, dass noch deutlich mehr Aufklärung nötig ist. Viele kennen zum Beispiel bis heute nicht die Rufnummer 116117 des Kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes. Und für viele ist die Hemmschwelle, direkt den Rettungswagen zu rufen, so gering, dass sie hiervon auch bei kleineren Anlässen Gebrauch machen. Dabei darf man gerade hier nicht die psychologische Komponente unterschätzen: Oft hilft den Betroffenen schon ein Gespräch mit einer sachkundigen Person. So lassen sich nicht selten schon vorhandene Symptome einordnen und Sicherheit gewinnen. Vorausgesetzt, dass man von diesen anderen Möglichkeiten und Anlaufstellen weiß. 

Doch daneben ist natürlich auch der im Antrag beschriebene Ansatz über die Stärkung intersektoraler Angebote wichtig. Durch eine noch bessere Zusammenarbeit zwischen den Anlaufpraxen, die sich ja in den meisten Fällen ohnehin an den Krankenhäusern befinden, und den Kliniken, können beispielsweise Doppel- oder auch Fehldiagnosen vermieden werden. Und auch die angeregte verbesserte Ersteinschätzung in vorgelagerten Zonen ist aus unserer Sicht sinnvoll. Denn die passendere Zuordnung der Patientinnen und Patienten spart wichtige Zeit und Ressourcen und bringt damit die dringend nötige Entlastung für die Notaufnahmen. 

Trotz der guten Ansätze und trotz des guten Willens hier im Hause, diese Dinge auch anzugehen, muss uns eins klar sein: Auch bei der Notfallversorgung haben wir es langfristig mit sehr hohen Fallzahlen zu tun. Unsere Krankenhäuser im Lande leisten hier wirklich enorm viel. Die bessere Aufklärung und Kanalisierung der Patientinnen und Patienten wird hoffentlich auch helfen, um die Situation zu entspannen. Aber machen wir uns nichts vor: Das Ganze ist auch eine Ressourcenfrage. Wir brauchen trotz allem auch mehr Mittel für die Kliniken und eine verbesserte Vergütung ihrer Leistungen. Und wir brauchen auch mehr Personal für diese Aufgaben. Wir könnten zum Beispiel gerne auch über eigens ausgebildete Notfallmediziner nachdenken. Insgesamt liegt hier also noch viel Arbeit vor uns.