Bericht zum PISA-Ländervergleich

11.12.2008 12:04

Von: Anke Spoorendonk

Seit 2001 und dem Bekanntwerden der ersten PISA-Ergebnisse beschäftigen wir uns hier im Landtag mit der Leistung unserer Schülerinnen und Schüler. Bei dieser vorerst letzten PISA-Debatte möchte ich noch einmal ins Gedächtnis rufen, was eigentlich die Zielsetzung der PISA-Studie ist:
1.eine Rückmeldung zur Qualität des Bildungssystems und der Schulen des jeweiligen Landes zu geben
2.einen Vergleich der Leistungsfähigkeit der Bildungssysteme zu ermöglichen und
3.der Politik eine Grundlage zu liefern, um Reformen für das Schulsystem abzuleiten.
An dieser Zielsetzung wird deutlich, dass PISA ein politisches Instrument ist. Ein Instrument, um Aussagen treffen zu können, inwieweit es Bildungssystemen gelingt, junge Menschen auf die Wissensgesellschaft vorzubereiten.

Mit den ersten Ergebnissen und dem darauf folgenden PISA-Schock in Deutschland wurde das Thema Schulbildung ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerufen. Akteure und Betroffene führten eine leidenschaftliche Diskussion, die deutlich machte, dass die Interpretierbarkeit von Bildungsdaten keine Grenzen kennt. Die politische Ebene reagierte mit teils operativer Hektik und zudem einem teils durchaus kritisch geführten Dialog für und wider das eigene Bildungssystem.

Der SSW setzt sich seit Jahren sowohl für eine Veränderung der Schulstruktur als auch der Schulinhalte ein. Für uns sind dies zwei Seiten derselben Medaille. PISA hat deutlich gemacht, dass das dreigliedrige Schulsystem veraltet ist. Die Einführung der Gemeinschaftsschule ist aus unserer Sicht daher zu begrüßen. Mit dieser Schulform erhöhen sich die Chancengleichheit unter den Schülerinnen und Schülern und die Reaktionsfähigkeit der Schulen auf aktuelle Herausforderungen. Der faule Kompromiss der großen Koalition mit der gleichzeitigen Einführung der Regionalschulen und der verweigerten Modernisierung der Lehrerausbildung ist beklagenswert und nicht tragbar. Vor diesem Hintergrund weist der SSW noch einmal ganz deutlich darauf hin, dass eine Reform der Struktur auch mit einer Reform der Inhalte einhergehen muss. Kesselflickerei alleine reicht nicht aus, wenn sich die Leistung unserer Schülerinnen und Schüler in Zukunft verbessern soll.

Schleswig-Holstein landete in den neusten PISA-Ergebnissen wieder im Mittelfeld. Der Kollege Kubicki lief daraufhin völlig aus dem Ruder und – wie der Spiegel so passend titelte – punktete er im Wettstreit um den dümmsten Vergleich mit der Nazizeit. Die Kollegin Herold gab dagegen Vorschußlorbeeren auf die in Schleswig-Holstein durchgeführte Schulreform, die aber mit den aktuellen PISA-Ergebnissen überhaupt nichts zu tun hat. Die Daten des aktuellen PISA-Tests sind im Frühjahr 2006 an den Schulen erhoben worden, das neue Schulgesetz greift jedoch erst seit Anfang 2007. Ein Zusammenhang zwischen den Ergebnissen und den bereits realisierten Reformen lässt sich also nicht herstellen. Darauf weist neben dem SSW auch die Bildungsministerin hin. Sie macht deutlich, dass die aktuellen Reformen erst mittel- und langfristig Erfolge zeigen werden.


Darüber hinaus liegen die schleswig-holsteinischen Jugendlichen in ihrem Mathematik- sowie Lese- und Schreibverständnis mit 497 und 485 Punkten knapp unter dem OECD-Durchschnitt und in den Naturwissenschaften mit 510 Punkten knapp drüber. Tatsache ist, dass im Leseverständnis die fünf nördlichsten Bundesländer am schlechtesten abschneiden. Dies ist jedoch nicht nur ein schulisches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Die Stiftung Lesen weist in Studien seit 1992 darauf hin, dass tendenziell immer weniger gelesen wird. Die Folgen mangelnder Lesefähigkeit zeigen sich dann in der Schule, aber in allen Fächern. Aus Sicht des SSW ist es daher notwendig, sich das Umfeld der Jugendlichen anzuschauen. Wir brauchen hier einen Ausbau des Büchereiwesens und eine ganzheitliche Förderung der Lesekultur.
Nach wie vor stellt die Gleichbehandlung von Mädchen und Jungen eine besondere Herausforderung im schulischen Alltag dar. Die Verbindung von schulischer Leistung und sozialer Herkunft nimmt tendenziell ab. Hier liegt aber immer noch ein entscheidendes Handlungsfeld zur Sicherung von Bildungsgerechtigkeit und sozialer Ausgewogenheit. Ich weise Sie noch einmal darauf hin, dass hier ein Hauptproblem des schleswig-holsteinischen Schulwesens liegt. Dies belegen auch die aktuellen Ergebnisse der IGLU-Studie. Die Grundschule wird in diesem Zusammenhang als einzige Gemeinschaftsschule in Reinform beschrieben, die international mit einem geschlossenen Leistungsbild ein hohes Niveau vorweist. Der SSW setzt sich daher für eine konsequente Umsetzung der Gemeinschaftsschulen ein.

Der SSW plädiert außerdem eindringlich dafür, neben der Struktur auch die Qualität der Schulbildung zu verändern. Es ist völlig unverantwortlich von der großen Koalition, die Neustrukturierung und Anpassung der Lehrerausbildung auf die lange Bank zu schieben. Wir zweifeln an der Ernsthaftigkeit dieser Schulreform, wenn nach wie vor Lehrerinnen und Lehrer an den Hochschulen dieses Landes für Schularten ausgebildet werden, die es gar nicht mehr gibt.
Das kann nicht gut gehen! Wir brauchen eine Lehrerausbildung, die nicht nur effiziente Fachdidaktik und elementare Inhalte thematisiert, sondern die außerdem den Schulformen angepasst ist.

Aber nicht nur die Lehrerausbildung hat Einfluss auf gute oder schlechte Schulleistungen. Auch die Ressourcen der Schulen entscheiden in hohem Maße über Menge und Art des Unterrichts.
Wagen wir gemeinsam einen Blick über den Tellerrand und schauen in unser nördliches Nachbarland. In den PISA-Studien landet Dänemark häufiger im Mittelfeld als auf den vorderen Plätzen. Die Erklärung dafür liegt in den unterschiedlichen Wertesystemen der Schulbildung. Die PISA-Studien zielen auf einen Typus von Bildung, der in Dänemark höchst umstritten ist. Hier richtet sich der Unterricht nach einem ganzheitlichen Ansatz. Demokratische Kultur, soziale Kompetenzen und persönliche Entwicklung sind genau so wichtig wie kognitive Fähigkeiten. Nicht vergessen darf man dabei aber: Das Wichtigste ist es immer noch etwas zu wissen. Auch in Dänemark haben die PISA-Ergebnisse daher zu Reformen und weitreichende Diskussionen aller Beteiligten geführt.

Das Beispiel Dänemarks macht deutlich, wie komplex Bildungssysteme sind und wie schwierig es ist, diese miteinander zu vergleichen. Erfolgsmodelle sind nicht einfach übertragbar. Die Einflussfaktoren auf Erfolg oder Misserfolg eines Bildungssystems reichen von der Lehrerpersönlichkeit über weniger Unterrichtsausfall bis hin zu einer kompletten Veränderung des Systems. Dennoch hat PISA Anregungen und Aufregung gegeben, die zum Nachdenken und überhaupt der Problematisierung der schulischen Ausbildung in Deutschland geführt haben.

Trotz des erneut mittelmäßigen Abschneidens Schleswig-Holsteins beim aktuellen PISA-Ländervergleich ist es für uns wichtig, weiter an Reformen und Veränderungen zu arbeiten, ohne die Akteure mit PISA-Ergebnissen in den Wahnsinn zu treiben und an den Schulen eine teaching-to-the-test Kultur einzurichten. Kritisches Analysieren und Hinterfragen sind für den SSW genau so wichtig wie Einsatz, Transparenz und Miteinander, um unser Schulsystem und damit unsere Kinder für die Herausforderungen der Zukunft fit zu machen.