Die Situation der behinderten Menschen im Kreis Schleswig-Flensburg

21.10.2014 11:21

Von der am 27. September veranstalteten Konferenz zum Thema in der A.P. Møller Skolen in Schleswig

Seit Anfang des Jahres beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe im SSW Kreisverband Schleswig-Flensburg intensiv mit dem Thema Inklusion. 

Am 27. September veranstalteten wir eine Konferenz in der A.P. Møller Skolen in Schleswig zum Thema „Die Situation der behinderten Menschen im Kreis Schleswig-Flensburg“. Im Podium saßen: 

Dr. Ulrich Hase, Landesbeauftragter der behinderten Menschen in Schleswig-Holstein,

Flemming Meyer, SSW-Landesvorsitzender, MdL, 

Volker Masuhr, Waldschule, Flensburg,

Hans-Jürgen Vollrath-Naumann, Theodor-Schäfer-Werk, Husum,

Jan-Henrik Schmidt und Hans-Walther Simonsen, Schleswiger Werkstätten - sowie 

Heidemarie Koch, Peter-Härtling-Schule Schleswig

Nach kurzer Begrüßung durch den SSW Kreisvorsitzenden Gerd Voß, wurde die Konferenz von der 15-jährigen blinden Sängerin Zehra Yildizgil mit einem englischen und türkischen Lied eingeleitet. Zehra begleitete sich selbst am Klavier, und Ihre Darbietung gab dem ohnehin schönen Rahmen eine extra Dimension.

Anke Schulz, SSW-Kreistagsabgeordnete und Moderatorin, äußerte den Wunsch, dass diese Veranstaltung der Auftakt sei, den Kreis Schleswig-Flensburg - wie bereits in Nordfriesland geschehen - für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren.

„Es gibt viele Institutionen und Organisationen, die Menschen mit Behinderung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erleichtern. Aber es fehlt häufig an wirtschaftlichen Mitteln, um eine vollumfängliche Teilhabe zu ermöglichen. Es liegt nicht nur am Geld. Wir, die Gesellschaft, sind aufgefordert umzudenken. Der Begriff Inklusion ist in aller Munde: Kitabereich, Schule, Ausbildung, Beruf, Freizeit, Tourismus, Kultur usw. Aber was wirklich dahinter steckt, hat noch nicht jeder begriffen“, so Anke Schulz.     

Am 24. Februar 2009 hat Deutschland die UN Behinderten-Konvention ratifiziert.                   Die europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 ein barrierefreies Europa zu schaffen. „Dieses Ziel zu erreichen ist fast unmöglich“, erklärte Dr. Ulrich Hase.

Eine einheitliche Förderung von Menschen mit Behinderungen werde durch die föderale Struktur in Deutschland in den einzelnen Bundesländern ausgebremst. Selbst in Schleswig-Holstein würde die Leistungsgewährung von Landkreis zu Landkreis unterschiedlich praktiziert, so Haase. 

„Wenn man zu schnell fährt, ist das Bußgeld in allen 16 Bundesländern gleich geregelt. So müssten auch die Fördersätze für Menschen mit Behinderungen standardisiert sein - um zu gewährleisten, dass alle das Gleiche erhalten, was ihnen zusteht, ohne dass sie den gerichtlichen Weg gehen müssen um ihr Recht zu erhalten“, forderte Dr. Ulrich Hase. 

Sein Wunsch sei es, dass Inklusion von allen Bürgern als ein Weg verstanden wird, sich gesellschaftlich neu aufzustellen. Eine Gesellschaft, in der alle Menschen – mit und ohne Behinderungen - für einander da sind und Verständnis füreinander aufbringen. Aus dieser Sicht beginne Inklusion damit, Menschen, die vom Durchschnitt abweichen, als normal zu betrachten und einzubeziehen. Eine Person mit einer Behinderung ist also ein "normaler" Mensch wie alle anderen auch. 

Bekannt ist dies beispielsweise aus der Architektur im Zusammenhang mit der Zugänglichkeit von Gebäuden oder öffentlichen Plätzen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Das sogenannte Prinzip des „Universal Design“ - die „barrierefreie Ausführung“  

„Integration ist somit die Anpassung der einzelnen Bürger an das System. Inklusion wiederum ist Anpassung des Systems an das Individuum“, erklärte Ulrich Hase. 

Der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen sowie andere Teilnehmer waren sich einig dass es wichtig sei, Behinderte zu beteiligen und ihnen nicht lediglich Hilfsmaßnahmen aufzudrücken.  

Oder wie Hans-Walter Simonsen von den Schleswiger Werkstätten es auf den Punkt brachte: „Auch wir Menschen mit Behinderungen wünschen uns die Freiheit; selbst wählen zu dürfen. Jedoch werden uns immer wieder Steine in den Weg gelegt. Verdienen wir mehr als was der Sozialhilfesatz hergibt, wird dieser Betrag von unserem Gehalt abgezogen“.

Jan-Henrik Schmidt (Leiter der Schleswiger Werkstätten): „Diese Grenzen sind von der Politik festgelegt worden, um die Transferleistungen für Menschen mit Behinderungen gegenrechnen zu können. Aber nicht alle erhalten die gleichen Leistungen. Daher wäre es letztlich gerechter, wenn das komplette Gehalt an die Behinderten ausgezahlt würde. Arbeitnehmer mit Behinderung können dann selbst entscheiden, ob oder welche Hilfeleistungen zusätzlich benötigt würden.          

Flemming Meyer (SSW, MdL) wünschte sich für unsere Mitbürger mit Behinderungen kein Ausspielen gegeneinander Seitens der Behörden und verwies hier auf die verschiedenen Sozialgesetzbücher, welche das Leben unser Mitbürger mit Behinderungen unnötig erschweren und somit eine anständige Teilhabe am Leben fast unmöglich machen. Einen besseren Erfahrungsaustausch mit anderen Landkreisen sowie einen grenzüberschreitenden Wissensaustausch nach der Methode „best practice“ seien ebenfalls wünschenswert.

Volker Masuhr (Waldschule, Flensburg) verriet einige Gründe des Erfolges der Waldschule: „Wir betreiben seit eh und je Inklusion, ohne jemals das Wort in den Mund genommen zu haben. Partizipation und Beteiligung an eigenen Prozessen – sowie längeres gemeinsames Lernen und Veränderungsmanagement, sind wichtige Aspekte für das tägliche Miteinander.    

Hans-Jürgen Vollrat-Naumann (Theodor Schäfer BW), wünschte sich eine Stärkung der Selbstbestimmung und verwies u.a. auf die Anwendung von Transformationsmanagement, also eine konstant lernende Organisation als notwendiger und idealer Dauerzustand.   

Heidemarie Koch (Peter-Härtling-Schule, Schleswig) sagte, Gewerbetreibende müssten dazu sensibilisiert werden, Menschen mit Behinderungen einzustellen.

„Es zeigt sich immer wieder, dass diese Bürger oftmals aufgeschlossener und freundlicher auf ihre Mitbürger zugehen und durch ihre natürlich angelernte Empathie eine Bereicherung für jeden Arbeitsplatz sind“.

Sie forderte daher mehr behinderte Menschen auf dem 1. Arbeitsmarkt statt fast ausnahmslos prekäre Beschäftigungen. Gerade Dienstleistungsunternehmen im Kreis sollten diese Chance nutzen um ihr Serviceniveau zu erhöhen.

Aus dem Publikum gab es u.a. folgende Wortmeldungen: 

Es wurde kritisiert, dass Planstellen im Förderschulbereich zz. minimiert bzw. nicht neu besetzt werden. Diese Schulen sollten jedoch nicht vom Inklusionsgedanken ausgehöhlt werden – ein Zusammenführen sei die korrektere Vorgehensweise.

Inklusion im Bildungssektor: Mangel an erforderlichen Lehrgängen. Viele Pädagogen belegen Kurse in ihrer Freizeit und zahlen dieses aus eigenem Portemonnaie.

Mehrmals wurde eine einheitliche Zuschussordnung in allen Landkreisen und kreisfreien Städten gefordert.

Die Angestellten der Schleswiger Werkstätten bedauerten, dass nicht genügend Geld vorhanden sei, um gemeinsame Freizeiten durchzuführen. Ebenfalls sähe man gerne, dass die Busverbindungen im Kreis und speziell in Schleswig behindertengerechter und barrierefrei ausgelegt seien.

Überhaupt würden im Kreis SL-FL viele kleinere Zuschüsse beschnitten oder gestrichen. Hierdurch verliere der Kreis gut eingespielte Strukturen und Netzwerke – auch was das Ehrenamt hinsichtlich Mitbürger mit Behinderungen anbelangt.

Um Menschen ohne Behinderung sowie Gewerbetreibende für die Problematik zu sensibilisieren, wurde aus dem Publikum angeregt, dass der einmal im Jahr in Kiel stattfindende „KRACH-Mach-Tag“ in allen größeren Städten/Orten im Land und Kreis „kopiert“ wird. Die Interessenorganisationen im Kreis sollten sich besser vernetzen und durch gemeinsame Aktionen häufiger auf ihre Belange aufmerksam machen.   

Vor und nach der Podiumsdiskussion hatten die Besucher die Möglichkeit, sich auf einem „Marktplatz“ an 12 Ständen über die Arbeit unterschiedlicher Organisationen und Institutionen zu informieren. In einem schönen Forum fand ein reger Austausch mit vielen interessanten Gesprächen statt.

Folgende Organisationen / Institutionen präsentierten sich dort:   

Lebenshilfe e.V. , Flensburg

Landesförderzentrum Sehen, Schleswig

RBSV SH, Schleswig

Die Johanniter, Schleswig

Der Paritätische Schleswig-Holstein,  Kiel

Adelby 1, Kinder- und Jugenddienste GmbH, Flensburg

Die Mürwicker - Elternbeirat, Flensburg

Theodor-Schäfer-Bildungswerk, Husum

Dansk Sundhedstjeneste, Flensburg

Landesförderzentrum Hören, Schleswig

Förderzentrum Schleswig-Kropp, Schleswig

Schleswiger Werkstätten, Schleswig

In der Sporthalle wurde das Projekt „Bewegte Freizeit gemeinsam erleben“ der beiden Moto-Pädagogen Annette Ebsen, Füsing und Matthias Pose, Freienwill (Kon-Takt-Training) vorgestellt und gleichzeitig zum Mitmachen eingeladen.

Der SSW Kreisverband wird die Informationen auf der nächsten Sitzung bewerten und Möglichkeiten erwägen, wie man Inklusion im Kreis weiter umsetzen kann. 

Für alle die dieses Thema weiter verfolgen möchten, abschließend noch folgender Hinweis von Dr. Ulrich Hase: 

Konferenz „Der inklusive Norden – alle sind willkommen “ 

Am 6. November 2014 - 10.00 bis ca. 16.00 Uhr

Kieler Landeshaus, Düsternbrooker Weg 70, 24105 Kiel 

Thema:  Inklusion wie sie im nördlichsten Bundesland heute bereits gelebt wird und wie sie sich gemeinsam ausbauen lässt.