Eine Erhebung der Arbeitszeit belastet eher, als das sie nützt

10.09.2014 16:03

Von: Jette Waldinger-Thiering

Lehrer-Bashing gehört zu jedem Kabarett-Einsteigerkurs. Jeder noch so dröge Kabarettist hat die Lacher auf seiner Seite, wenn er auf die angeblich so faulen Lehrer eindrischt. Lehrer werden als Halbtagsjobber, die mitten am Tag den Rasen mähen, verhöhnt. Dazu hätten sie noch Monate voller Freizeit, von denen normal Sterbliche nur träumen könnten. Der Lehrer hat vormittags recht und nachmittags frei. Alle lachen und so setzt sich das blöde Vorurteil fest in den Köpfen.

 


 

Wenn man dagegen hält - mit eigenen Erfahrung oder unabhängigen Statistiken, erntet man schnell ein Schulterzucken, denn so genau wissen will es dann doch niemand. Stattdessen pflegt man gerne seine Vorurteile. Das ist übrigens anders herum nicht anders. Die Weltuntergangsmetaphern der Lehrerverbände sind auch nicht immer besonders hilfreich, wenn es um die Arbeitszeiten von Lehrerinnen und Lehrer geht. Die pauschale Überstunden-Vermutung ist eben genau so falsch wie das Zerrbild des faulen Lehrers aus dem Kabarett. 

 

Dementsprechend erscheint es folgerichtig, einmal genau zu erfassen, wie viele Stunden Lehrerinnen und Lehrer nun tatsächlich arbeiten. Tatsächlich liegen aber bereits Erfahrungen mit der Arbeitszeiterfassung vor; die sind aber wenig ermutigend. Vor 15 Jahren beauftragte die Landesregierung Nordrhein-Westfalens eine Unternehmensberatung mit der Erfassung der Arbeitszeiten. Die Lehrerinnen und Lehrer erfassten dabei über einen festgelegten Zeitraum jedes Gespräch und jede Korrektur mittels einer Zeiterfassung. Und hat die Untersuchung Klarheit gebracht? Nein. Zum einen litten die Ergebnisse bereits im Vorwege daran, dass die Landesregierung die Untersuchung vor allem aus einem Grunde angeschoben hatte: nämlich um zu kürzen. Dementsprechend zu Recht kritisierten Viele bereits vor Ende der Studie, dass unter solchen Vorzeichen wohl kaum von Unabhängigkeit die Rede sein könne. Die Untersuchung selbst verdeutlichte vor allem, wie individuell Lehrerinnen und Lehrer sind. Es gab Riesen-Unterschiede in der Stundenzahl auch bei gleichem Schultyp und Fach. Die Studie zeigte eine enorme Bandbreite bei den Arbeitszeiten. 

 


 

Sicherlich wirkt sich im Laufe des Berufslebens die Routine auch auf die Arbeitszeiten aus. Nach mehreren Jahren im Beruf kann man einfach die Abläufe besser einschätzen, so dass viele Dinge weniger Zeit in Anspruch nehmen als am Anfang. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass darüber hinaus persönliche Vorlieben und Verpflichtungen eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielen. Ich möchte einmal ein Beispiel anführen: die Korrekturzeiten verringern sich zum Beispiel erheblich, je nachdem, ob die Lehrkraft bei einer Klassenarbeit freie Antworten erwartet und dementsprechend bewertet oder ob sie zum Multiple Choice-Verfahren greift. 

 


 

Es lässt sich also festhalten, dass Arbeitszeiten individuell durchaus bestimmbar sind. Neben diesen individuellen Unterschieden gibt es handfeste strukturelle Unterschiede, wie die Klassengröße, die sich auf die Arbeitszeiten auswirken. Je kleiner die Klassen, desto kleiner naturgemäß der Stapel der Klassenarbeiten. Wenn wir also Klassengrößen verringern, tun wir direkt etwas für die Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer. Wenn wir Schulen mit mehreren Standorten haben, summieren sich die Wegezeiten. Ebenso wirken sich Veränderungen im administrativen Bereich unmittelbar aus, wenn Termine beispielsweise von der Schulsekretärin koordiniert werden. Wir sollten weiterhin versuchen, Tätigkeiten auszulagern, die von anderen Personen erledigt werden können. Das alles wissen wir übrigens auch ohne Arbeitszeiterhebung. 

 


 

Ist also eine Arbeitszeiterhebung überhaupt der richtige Weg? Einerseits wollen wir, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Schule vor allen Dingen mit den Schülerinnen und Schülern arbeiten. Andererseits belasten wir sie. Ich befürchte, dass die detaillierte Arbeitszeiterfassung zu einer Belastung werden könnte. Darüber sollten wir nachdenken. Letztlich bezweifle ich, dass eine Erhebung der Arbeitszeiten den Lehrkräften wirklich weiter hilft. Denn schließlich kennen wir bereits jetzt alle Faktoren, die zur Entlastung führen.