Fachkräfteinitiative "Zukunft im Norden" hat alle Akteure an Bord

10.06.2016 18:17

Flemming Meyer zu TOP 39 - Fachkräftesicherung aktiv gemeinsam gestalten

„Das gemeinsame Ziel, das alle beteiligten Akteure mit ihrer Unterschrift besiegelten: Schleswig-Holstein soll seinem Anspruch als „Land der guten Arbeitsbedingungen“ gerecht werden.“

Bevor aus einem Berufsanfänger oder einem Quereinsteiger eine Fachkraft wird, vergeht eine ganz schön lange Zeit. Zeit, die der Beschäftigte nicht hundertprozentig dem Betrieb zur Verfügung steht, sondern in der erst einmal zuschauen und lernen muss. Dementsprechend machen sich einige Betriebe gar nicht erst die Mühe: sie versuchen, ihre Abläufe weitestgehend zu automatisieren, so dass sie mit angelernten Kräften auskommen. Andere Betriebe bilden prinzipiell nicht aus, weil sie die Kosten dafür nicht schultern wollen; Danfoss Silicon Power in Flensburg ist so ein Beispiel. Diese Betriebe werben lieber Gesellen aus dem Handwerk ab. Diese Praxis funktionierte jahrelang ganz gut. Bis die geburtenschwachen Jahrgänge den Arbeitsmarkt erreichten. Auf einmal hörte man allerorten das Wehklagen über stornierte Aufträge. Mangelnde Fachkräfte hätten das zu verantworten.

Viele Betriebe waren da nicht ganz ehrlich. Das hat sich mit der Fachkräfteinitiative "Zukunft im Norden" inzwischen grundlegend geändert, weil das Prinzip nämlich auf Gemeinsamkeit und Offenheit beruht. Seit mittlerweile dreieinhalb Jahren ziehen Wirtschaftsverbände, Kammern, die Bundesagentur für Arbeit, Gewerkschaften, Hochschulen und die kommunalen Spitzenverbänden an einem Strang. Somit sind alle Akteure im Boot, die Einfluss auf den Arbeitsmarkt haben. Die Kammer kennen die genauen Zahlen und die Befindlichkeiten auch der kleinen und mittleren Betriebe, während die Gewerkschaften auf die Rahmenbedingungen guter Arbeit hinweisen. 

So hat der Deutsche Gewerkschaftsbund beispielsweise im letzten Jahr über 400 Sylt-Pendler nach ihren Arbeitsbedingungen gefragt. Die Antworten fielen teilweise katastrophal aus bis hin zu eindeutigen Verstößen gegen das Mindestlohngesetz. Dreiviertel aller Sylt-Beschäftigten des Reinigungsgewerbes und der Gastronomie fühlen sich in ihrer Arbeit nicht wertgeschätzt. Da wundert es keinen, wenn Kellnerinnen und Köche reihenweise andere Jobs suchen und die Insel verlassen. Die Folge sind freie Stellen in fast allen kleinen Gastronomiebetrieben zwischen List und Hörnum. Das ist aber kein Indiz für einen Fachkräftemangel, sondern das Ergebnis schlechter Rahmenbedingungen. Andere Betriebe auf Sylt haben nämlich keine Rekrutierungsprobleme: bei ihnen stimmen die Rahmenbedingungen. In der Gastronomie muss sich also noch eine ganze Menge bewegen. 

In der Fachkräfteinitiative wird so etwas angesprochen. Das gemeinsame Ziel lautet: eine mitarbeiterorientierte Personalpolitik und die Schaffung attraktiver Arbeitsbedingungen. Das kann man in den entsprechenden Vereinbarungen nachlesen. Attraktive Rahmenbedingungen sind nämlich der Schlüssel zur Fachkräftebindung und Fachkräftegewinnung. Das gemeinsame Ziel, das alle beteiligten Akteure mit ihrer Unterschrift besiegelten: Schleswig-Holstein soll seinem Anspruch als „Land der guten Arbeitsbedingungen“ gerecht werden. Diese sind noch nicht in allen Branchen bzw. alle Regionen erreicht. Aber der Tanker bewegt sich: Teilzeitmodelle, berufsbegleitende Ausbildungsgänge, Engagement für Frauen in der nachfamiliären Phase. Das gibt es schon alles. Aber immer noch verlassen zu viele Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Abschluss. Dem Übergangsmanagement gilt darum unser aller Augenmerk. Wie das geht, zeigt sich in Neumünster mit der Jugendberufsagentur, die auch den Jugendlichen in den ersten Arbeitsmarkt hilft, die keinen Schulabschluss haben.

Eine andere Gruppe, die gefördert werden muss, sind die Beschäftigten, die 55 Jahre und älter sind. Wird jemand in diesem Alter arbeitslos, hat er oder sie kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Dabei sind doch die Fähigkeiten und Kenntnisse dieses Beschäftigten besonders wertvoll. Es ist zu begrüßen, dass die Fachkräfteinitiative diese Gruppe besonders im Blick hat. 

Tausende von Beschäftigten werden in den nächsten Jahren in Rente gehen; das ist ein Fachkräfteabfluss, wie es ihn historisch in Deutschland noch nicht gegeben hat. Davon ist nicht zuletzt auch die Landesverwaltung betroffen. Neue Beschäftigungs- und Qualifizierungsmodelle sind dringend von Nöten. Die Drogeriekette DM bietet zum Beispiel ein Ausbildungsprogramm speziell für Studienabbrecher an; auch eine Gruppe, die erhebliches Potenzial zur Lösung der Fachkräftemangels stellt. Ich bin davon überzeugt, dass andere Betriebe ähnliche Projekte in Gang bringen werden. Gut, dass wir die Fachkräfteinitiative haben, die solche Modelle dann auch kommuniziert.