Fußball-Weltmeisterschaft 2006: Rote Karte für Zwangsprostitution

23.02.2006 10:49

Von: Anke Spoorendonk

Es gibt keine automatische Verbindung zwischen Fußballfans und Freiern. Das möchte ich vorweg schicken. Sicherlich gilt aber auch bei der Fußball-WM das alte Sprichwort: Gelegenheit mach Diebe. Wenn tausende Fußballfans im Land erwartet werden, frohlockt eben nicht nur die Gastronomie, auch die Zahl der Besuche bei Prostituierten wird steigen. Das ist übrigens bei jeder überregionalen Messe nicht anders.

Das Thema „Menschenhandel und Zwangsprostitution“ ist somit kein neues Thema, auch wenn es im öffentlichen Raum immer noch eher verschämt zur Sprache gebracht wird. Schon im letzten Jahr verabschiedete der Deutsche Frauenrat dazu eine Resolution, die aus Sicht des SSW  weiterhin Maßstab der Auseinandersetzung mit diesem Thema sein sollte. Auch der SSW tritt dafür ein, dass Prostitution und Zwangsprostitution getrennt zu betrachten sind. Die Errungenschaften des Prostitutionsgesetzes des Deutschen Bundestages, das die Rechte von Prostituierten stärkt, gilt es also zu wahren.

Gleichzeitig müssen aber die Maßnahmen zum Schutz der Opfer von Menschenhandel deutlich gestärkt werden. Dazu gehören laut Frauenrat u.a. verbesserte Zeuginnenschutzprogramme, ein sicheres Bleiberecht, psychosoziale Hilfen und die finanzielle Absicherung entsprechender Beratungsstellen sowie die Gewährung von Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Erforderlich sind auch Präventionsmaßnahmen in den Herkunftsländern. Die Forderung nach genereller Bestrafung von Freiern birgt auch unserer Meinung nach die Gefahr der Kriminalisierung von Prostitution und Prostituierten. Zu prüfen ist daher auch, ob die Forderung, Freier dann zu bestrafen, wenn ihnen bekannt wird, dass die von ihnen aufgesuchte Prostituierte Opfer von Menschenhändlern ist, tatsächlich strafrechtlich ungesetzt werden kann.

Vor diesem Hintergrund bin ich besonders froh, dass sich auch der Schleswig-Holsteinische Landtag einmütig die Fußball-Weltmeisterschaft zunutze macht, die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren. Das gilt besonders, weil Schleswig-Holstein gar nicht zu den Austragungsorten der Weltmeisterschaft gehört. Aber im Hamburger Randgebiet werden nicht nur jede Menge Fans Obdach finden, sondern auch die kriminellen Banden ihr Betätigungsfeld. Wir sind also durchaus betroffen.

Zwangsprostitution und Menschenhandel florieren im Dunkeln. Je mehr darüber bekannt ist, desto geringer werden die Chancen der internationalen Banden, die das Geschäft kontrollieren. Ist die Öffentlichkeit mobilisiert, wächst der Druck auf die Straftäter.
Über Frauen zu sprechen, die unter falschen Versprechungen ins Land gelockt oder geschleust wurden und hier ihrer Papiere beraubt zur Prostitution gezwungen werden, ist das eine. Es ist aber etwas ganz anderes, konkret dem Problem zu begegnen, also die Möglichkeiten für die Banden zu verringern, Räume oder Wohnungen zu mieten - und so weiter.

Diese konkreten Maßnahmen haben Frauenrat und die angeschlossenen Frauenorganisationen jetzt ins Visier genommen. Potenzielle Freier werden durch die Kampagne aufgeklärt, so dass sie ihr Verhalten ändern. Die Freier bilden das Rückgrat für massive Menschenrechtsverletzungen in Deutschland, indem sie mit ihrem Geld das System der Ausbeutung und Freiheitsberaubung stabilisieren. Wenn das eingeschränkt wird, ist das ein großer Sieg für die Kampagne: Kein Geld, kein Verdienst.

Die ganze Aktion nimmt dabei auch den Deutschen Fußballbund in die Pflicht, der sich zunächst etwas geziert hat, aber jetzt mit den Organisatorinnen an einem Strang zieht. Die Spieler der Nationalmannschaft sind als nationale Sympathieträger besonders glaubwürdig. Geißeln sie die Zwangsprostitution, kann man von einem erheblichen Effekt ausgehen.
Dennoch ist es gut, dass es Anfang des Monats auch einen Runden Tisch zum Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution gegeben hat, denn wichtig ist, dass es auch zu einem gemeinsamen Vorgehen von Bund und Ländern kommt. – Nur so ist gewährleistet, dass – nachhaltig – über den Zeitpunkt der WM gedacht wird. Teil dieser Strategie ist daher auch die enge Kooperation zwischen den zuständigen Polizeien und den Fachberatungsstellen.

Ich fasse zusammen: Es geht nicht darum, die Opfer zu stigmatisieren, sondern dafür zu sorgen, dass sich Zwangsprostitution nicht mehr lohnt. Die Öffentlichkeit spielt bei einer solchen Kampagne eine wichtige Rolle. Und die Fußball-WM ist die beste Gelegenheit, das Thema einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.