Hempels-Geschäftsführer Reinhard Böttner hält festrede beim Neujahrsempfang des SSW

22.01.2017 14:35

Die aktuelle soziale Lage in Schleswig-Holstein und die zukünftigen Perspektiven aus Sicht von HEMPELS

Sehr geehrte Ministerin Spoorendonk, sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben uns sehr gefreut, dass wir vom SSW Ende letzten Jahres angefragt wurden, eine Gastrede für den diesjährigen Neujahrsempfang zum Thema „aktuelle soziale Lage in Schleswig-Holstein und die zukünftigen Perspektiven aus Sicht von HEMPELS“ zu halten. Insofern wird sich mein Beitrag allerdings auch überwiegend auf die Menschen konzentrieren, die zu uns kommen.

Das sind zum einen obdach- und wohnungslose Menschen. Die Gründe für deren Situation sind vielfältig: Mietschulden oder Vermieterschulden und daraus resultierende Zwangsräumungen, Suchterkrankungen, Scheidung oder Tod eines Lebensgefährten oder nahen Verwandten, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen oder Störungen, fehlende Resozialisierung nach Heim- oder Gefängnisaufenthalt, Kriegsflucht, Vertreibung oder (Armuts-)migration, allgemeine Schulden und vor allem Schufa-Einträge wegen Mietschulden.

Häufige Ursachen von Obdachlosigkeit bei Kindern und Jugendlichen sind hingegen materielle Not und Obdachlosigkeit der gesamten Familie, Flucht vor Gewalt oder Missbrauch im Elternhaus, zu enge Wohnverhältnisse im Elternhaus, Flucht vor ständigen Konflikten mit anderen Familienmitgliedern, Flucht aus Heimen.

Die Folgen von Obdachlosigkeit sind vielfältig. Sie betreffen Leib und Leben sowie den Charakter der Betroffenen. Am sichtbarsten sind die Verwahrlosung und Verelendung. Die Folgen der Obdachlosigkeit im Einzelnen sind zum Beispiel:

- fehlende medizinische Betreuung, ungenügende ärztliche Untersuchungen, keine oder minderwertige Medikamente

- unzureichende Hygiene, Unsauberkeit, mangelnde Waschgelegenheiten, schmutzige Kleidung, Gestank

- Exposition gegenüber der Witterung (Hitze, Kälte, Problem der Lagerung von Lebensmitteln, u.a. dadurch unzureichende Ernährung, Verzehr verdorbener Nahrungsmittel, Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen, Auszehrung

- Krankheiten, insbesondere durch Fehl- und Unterernährung

- erhöhtes Risiko, Opfer gewalttätiger oder sexueller Übergriffe zu werden, da eine schützende Wohnung nicht vorhanden ist

Laut der englischen Studie “Homelessness: A Silent Killer” der Universität Sheffield haben Obdachlose eine um dreißig Jahre geringere Lebenserwartung. Zudem droht aufgrund der schwierigen Lebensbedingungen eine soziale Verrohung.

Statistik - Alarmierende Zahlen aus Lübeck von der Vorwerker Diakonie, dortiger Kooperationspartner von HEMPELS

Im Winter 2016/17 waren die Wohnungslosenunterkünfte in Lübeck erneut überbelegt. Seit Jahren steigt der Bedarf, seriöse Prognosen gehen von weiteren Steigerungsraten aus. Zwei bis vier Nutzer pro Zimmer und zusätzlich Betten auf den Fluren: Das Bodelschwinghhaus, Notunterkunft für wohnungslose Männer der Vorwerker Diakonie in Lübeck, war im zurückliegenden Winter erneut durchgehend überbelegt. „Für uns ist es inzwischen geradezu normal geworden, mehr Menschen Unterkunft zu bieten als eigentlich vorgesehen“, erläutert Einrichtungsleiter Lothar Lachetta vor dem Hintergrund ständig steigender Zahlen. Auch eine Erweiterung im Frühjahr 2015 hat die Situation nur zeitweise entspannt. „Wir sind trotzdem jeden Winter deutlich überbelegt. Nicht nur das, auch unterjährig ist Überbelegung mittlerweile keine Seltenheit mehr.“ Die ständige Überbelegung hat seine Nebenwirkung. „Alle hier sind in einer besonderen Notsituation (Gemengelage an Problemen). Das erzeugt bereits Stress. Dann kann man sich nicht aus dem Weg gehen - damit sind Konflikte und weitere Schwierigkeiten vorprogrammiert“, meint der Einrichtungsleiter.

Bundesweite Steigerungen

Eine Entwicklung, die sich nicht nur in Lübeck zeigt. Immer mehr Menschen in Deutschland sind ohne Wohnung - Tendenz weiter stark steigend. Um rund ein Drittel ist die Zahl der Wohnungslosen in den letzten fünf Jahren gestiegen auf zuletzt 335.000. Der Geschäftsführer  der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V., Thomas Specht, spricht von einer historischen Krise, die den Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Seine Prognose: Bis 2018 steigt die Zahl wohnungsloser Menschen in Deutschland auf mehr als eine halbe Million. Die Gründe liegen im Fehlen von bezahlbarem Wohnraum, aber vor allem auch in einer Reihe sozialer und psychosozialer Ursachen: Familiäre Probleme, Sucht oder Krankheiten und Schulden.

Frauen vermehrt betroffen

„Die Entwicklung ist ein Zeichen für Entwicklungen in unserer Gesellschaft, auch dafür, dass die Schere zwischen arm und reich immer weiter aufgeht“, erläutert Hans-Uwe Rehse, Geschäftsführer der Vorwerker Diakonie. „Wir erleben seit geraumer Zeit, dass nicht nur die Zahlen insgesamt steigen, sondern dass immer häufiger auch Frauen und junge Menschen betroffen sind.“ Aus seiner Sicht müssen die Ursachen bearbeitet werden. „Gleichzeitig müssen wir aber auch die Unterkunftsmöglichkeiten ausweiten.“

Die für Lübeck beschriebene Situation ist bezeichnend für viele Kommunen in S-H.

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge beschrieb bei einer Weihnachtsfeier des Düsseldorfer Straßenmagazins fiftyfifty die soziale Entwicklung folgendermaßen:

Die soziale Ungleichheit nehme kontinuierlich zu, da alle Regierungskoalitionen der vergangenen vier Jahrzehnte im wesentlichen Politik nach dem Matthäus-Prinzip machten: »Wer hat, dem wird gegeben«, was besonders gut bei der Vermögens- und Erbschaftssteuer illustriert werde und im Ergebnis dazu geführt habe, dass während »die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung fast 53 Prozent des Nettogesamtvermögens besaßen, die ärmere Hälfte nur auf ein Prozent kam.« Fast 40 Millionen Menschen hierzulande lebten dauerhaft von der Hand in den Mund – nur eine Krankheit, Kündigung oder einen Schicksalsschlag von der Armut entfernt. Dabei sei durchaus Geld da, befinde sich nur in der falschen Tasche: das private Nettovermögen habe sich zwischen 2006 und 2011 um 1,5 Billionen auf stolze zehn Billionen erhöht.

Und um den immer weniger neu gebauten günstigen Wohnraum konkurrieren immer mehr  Personengruppen (Alleinerziehende, Senioren, Singles, Studierende, Personen im Leistungsbezug, darunter auch obdach- oder wohnungslose Menschen). Dadurch steigen natürlich auch die Preise für den „günstigen Wohnraum“, wodurch vielfach die Mieten über die Mietobergrenzen der Sozialleistungsträger klettern. Was dann noch an günstigem Wohnraum für die problem- belasteten Menschen übrig bleibt, liegt oft in einem Viertel, in dem nicht der wohlhabende Teil der Bürger/innen oder ein ausgewogener Mix wohnt, und ist allzu oft in keinem energetisch guten Zustand. Dies führt zusammen mit den sehr geringen Hartz IV Pauschalen für die Neuausstattung der Wohnung inklusive elektrischer Haushaltsgeräte dazu, dass durch energietechnisch veraltete Geräte der neue Mieter und durch undichte Fenster und alte Heizungen der Kostenträger zur ohnehin knappen Kasse gebeten werden.

Allerdings führt nicht allein der Mangel an günstigem Wohnraum zu Obdach- und Wohnungslosigkeit. Vielfach liegt es auch an der betroffenen Person mit all ihren Problemlagen und leider häufig auch an der fehlenden Unterstützung. Dazu möchte ich Ihnen ein Beispiel aus der Praxis erzählen.

Der HEMPELS – Verkäufer Bernd (geänderter Name), war bereits seit Jahren ohne eigene Wohnung. Nach Zeiten, in denen er Platte gemacht und teilweise unter Brücken geschlafen hatte, war er bei einem Freund in dessen Wohnung unter gekommen. Seinen Lebensunterhalt bestritt er ausschließlich durch den Verkauf des HEMPELS – Straßenmagazins. Der Freund entschloss sich dann eines Tages allerdings dazu, zu seiner betagten Mutter zu ziehen, um diese zu unterstützen. Dazu wollte er seine Wohnung aufgeben. Bernd drohte also erneut die Obdachslosigkeit. Er sprach mich nach Ermutigung durch andere Gäste und Mitarbeiter unserer Einrichtung an und bat um Unterstützung. Dabei wies er deutlich darauf hin, dass er vor den notwendigen Schritten große Angst habe und sehr viel Zeit benötige, um diese Schritte gehen zu können. In dieser Phase war es wichtig ihm zu signalisieren, dass er innerhalb gewisser Zeitfenster das Tempo selbst bestimmen könne. Es stellte sich zunächst heraus, dass er seit Jahren keinen gültigen Ausweis besaß. Die erste Hürde vor der Beantragung von Sozialleistungen bestand somit in der Beschaffung eines Ausweises. Bernd musste dazu mehrmals motiviert werden, mit mir zusammen den Weg zum Rathaus zu gehen. Auf dem Weg und vor dem Eingang wollte er mehrfach abbrechen, weil er Angst vor den weiteren Schritten hatte. Nicht weil ihm bewusst war, dass in Deutschland mehrjähriger Verstoß gegen die Ausweispflicht zu einer saftigen Strafe führen kann. Nachdem wir im Rathaus auf eine sehr verständige Mitarbeiterin getroffen waren und den Antrag auf Ausstellung eines Ausweises gestellt hatten, war Bernd beim Verlassen des Rathauses zwar erleichtert, er baute allerdings gleich wieder Ängste vor den weiteren Schritten auf. Nur nach mehrfacher Motivierung und mit Begleitung schaffte er folgende weitere Schritte mühsam:

Meldung bei der Zentralen Beratungsstelle für wohnungslose Männer

Beantragung der Mitgliedschaft in einer Krankenversicherung (erneut drohte aufgrund der Versicherungs-Pflicht eine empfindliche Nachzahlung für die nicht versicherte Zeit.

ALG-2 Antrag

Vorstellung und Bewerbung um eine Wohnung: Dabei stand noch die Befürchtung an, dass er Mietschulden als Schufa-Eintrag hatte, was glücklicherweise nicht der Fall war.

Ein Wohnung hat er dann letztlich mit Unterstützung am Stadtrand in einem Haus gefunden, in dem überwiegend Menschen wohnen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Auch nach Bezug der Wohnung kommt er bei jedem neuen Schreiben, bei jeder neuen Anforderung zu mir. Diese Sicherheit und Unterstützung benötigt er.

Zu HEMPELS kommen allerdings in der Mehrzahl nicht nur die obdach- oder wohnungslosen Menschen sondern solche, die zwar eine Unterkunft (eigene, vorübergehend bei Bekannten, in problematischen Miet- und Wohnverhältnissen) haben, die jedoch langzeitarbeitslos, bedingt arbeitsfähig oder Sucht-krank sind bzw. auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen aus Ländern Südosteuropas gekommen sind. Mangels Alternativen an anderen vorhandenen Arbeitsplätzen und vergüteter Arbeit verkaufen inzwischen ca. 250 Verkäuferinnen und Verkäufer das HEMPELS Straßenmagazin. Sie erfahren dadurch nicht nur eine Anerkennung ihrer Leistungsfähigkeit durch eine Vergütung ihrer Arbeit und eine Stärkung des Selbstwertgefühls, die Kontakte und Gespräche mit Leser/innen sind für viele zudem eine wertvolle Bereicherung.

Des weiteren werden unsere beiden Tagesaufenthaltsprojekte (Trinkraumangebote für überwiegend alkoholkranke und / oder substituierte Menschen) mit den daran angekoppelten Treuhandkonto-Angeboten in Kiel von Menschen genutzt, bei denen das von Hartz IV vorgesehene Fördern und Fordern nicht nur nicht greift sondern kontraproduktiv ist. Bei Ihnen greift aufgrund der fehlenden Ausbildung und der Biographie das 10. Bewerbungstraining eines freien Trägers nicht, der sich damit trotzdem eine vorübergehende Daseinsbestätigung durch das Jobcenter bzw. die Arbeitsagentur verschafft. Auch beim Fordern werden mit dem Kürzungskatalog Maßstäbe angelegt, die bei anderen und besser betuchten Bürger/innen bei anderen Behörden undenkbar wären. Reichtum ist diskret und pocht auf Schutz der Privatsphäre. Ein Hartz IV Empfänger hat diese Privatsphäre nicht.

Dabei ist es nicht so, dass die Menschen in unseren Trinkraumangeboten nicht arbeiten wollen. In unserem Café zum Sofa und im Trinkrum Gaarden arbeiten beispielsweise aktuell bis zu 10 ehrenamtliche Mitarbeiter/innen, die zuvor als Gäste in unsere Trinkräume gekommen waren. Sie sind gänzlich langzeitarbeitslos, einige werden substituiert oder konsumieren regelmäßig Alkohol. Für ihre Arbeit im Café erhalten sie eine sehr geringe Aufwandsentschädigung und trotzdem sind diese ehrenamtlichen Arbeitsgelegenheiten sehr gefragt, da die Mitarbeiter/innen etwas zu tun haben, das ihnen eine gewisse Struktur verschafft. Gleichzeitig wird Ihnen Verantwortung und selbständiges Handeln zugetraut, was ihr Selbstwertgefühl deutlich steigert.

Sei es die Arbeit als Verkäufer/in des Straßenmagazins oder die ehrenamtliche Mitarbeit in einem Projekt – Arbeit ist ein wichtiger Faktor für langzeitarbeitslose Menschen. Daher kann ich die Forderung des SSW, Arbeit für die Zukunft – für alle zu ermöglichen, voll unterstützen. Dabei sind geeignete Formen zu finden für Menschen, die nicht so leistungsfähig sind oder sich in unterschiedlichen Problemlagen befinden. Dabei ist es umso wichtiger, dass diese Arbeitsmöglichkeiten dauerhaft ausgelegt sind, um die Menschen nicht erneut in ein tiefes Loch fallen zu lassen.

Damit befinde ich mich bereits bei den Forderungen, deren Umsetzung erforderlich wäre, um die Perspektiven für die Menschen zu verbessern, die zu uns kommen:

- Massive Ausweitung des sozialen Wohnungsbaus und Anhebung der Mietobergrenzen auf ein Niveau, das nicht nur das Wohnen in Bruchbuden erlaubt

- Ausweitung der Betreuungsangebote für Menschen, die Gefahr laufen, ihre Wohnung zu verlieren

- Ausweitung der Betreuungsangebote für Menschen ohne eigene Wohnungen

- Schaffung von Wohntrainings-Angeboten, um das Wohnen in einer eigenen Wohnung und das Zusammenleben mit anderen Bewohnern wieder erlernen zu können

- Ausbau des Übergangsmanagements, um nach Heim- und Gefängnisaufenthalten besser auf die Zeit danach vorbereitet zu sein und um Obdachlosigkeit zu verhindern

- Abschaffung der rigiden Bestimmungen beim ALG 2 bezüglich arbeitsloser Personen unter 25 Jahren, die  Obdachlosigkeit fördern

- Deutliche Anhebung der ALG 2 und Grundsicherungsbeträge, um nicht nur symbolhafte und völlig unzureichende Beträge für  Mittel zu kultureller, gesellschaftlicher und politischer Teilhabe wie z. B. Kino- und Theaterbesuche bereit zu stellen.

- Abschaffung des Niedriglohn-Sektors, der in absehbarer Zeit verstärkt zu Altersarmut führen wird, wodurch der Kreis der Konkurrenten um den „günstigen“ Wohnraum zusätzlich anwachsen wird