Jugendkriminalität in Schleswig-Holstein - Schaffung einer Jugend-Taskforce

18.03.2010 12:20

Von: Silke Hinrichsen

Der Ton der Debatte zur Jugendkriminalität ist sachlicher geworden. Weder ist die Rede von der Einrichtung von Strafcamps noch der Erhöhung von Strafen für Kinder und Jugendliche oder von schusssicheren Türen in Schulen.


Es hat sich etwas getan, auch wenn die Hardliner dann doch nicht vom Schreckgespenst der Intensivtäter lassen wollen, die in der Frage der Prävention eine untergeordnete Rolle spielen, trotz manch anderslautender Schlagzeilen. Abgesehen davon zeugt der vorliegende Antrag von dem Willen, beim Thema Jugendkriminalität nicht zuvorderst von den Tätern zu sprechen, sondern von denen, die drohen, zum Täter zu werden.
Wer jedoch Eltern womöglich mit Polizeigewalt bei den Elternsprechstunden vorführen lassen will, versteht nicht, wie Prävention funktioniert. Darüber hinaus kommen bedauerlicherweise die Jugendlichen selbst in dem hier vorliegenden Vorschlag, der der Prävention dient, kaum vor.

Die Frage lautet aber heute, wie es im Dialog gelingen kann, Jugendkriminalität bereits im Keim zu ersticken. Der SSW begrüßt ausdrücklich diese Hinwendung zum Präventionsgedanken und hofft, dass der Innenminister diesen Kurs beibehalten wird.
Ganz offensichtlich setzt sich der Gedanke durch, dass Strafe nicht nur teuer ist, sondern auch bei weitem nicht die Abschreckung mit sich bringt, wie uns in vielen Debatten erklärt wird.


Bei der vorgeschlagenen Task-Force geht es nach unserem Verständnis um die engere Zusammenarbeit von Schule, Sozialarbeit und Polizei; ein Konzept, das in Dänemark seit vielen Jahren in den Kommunen seinen festen Platz hat. Jede Kommune hat einen Präventiven Rat, in dem Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten eng zusammenarbeiten. Polizisten und Sozialarbeiter kommen nicht erst zusammen, wenn es zu Gewalt oder kriminellen Taten gekommen ist, sondern pflegen den regelmäßigen Dialog untereinander und mit den Jugendlichen. Dabei wird die Schule systematisch einbezogen als der Ort, der für viele Jugendlichen der Lebensmittelpunkt ist. Die Erfolge dieses engmaschigen Netzes von S wie Schule, S wie Sozialarbeit und P wie Polizei sind dabei beeindruckend.

In Flensburg ist das SSP-Modell als „Synergie hoch drei“ aufgegriffen worden: der Lehrer sagt, was richtig ist, der Polizist, was falsch ist und der Sozialarbeiter hinterfragt, warum das so ist. Damit ein Gespräch zustande kommt, muss man diese Berufsgruppen allerdings erst einmal zusammenbringen; es müssen Verständnishürden und professionelle Scheuklappen systematisch thematisiert und abgebaut werden.

Dieser Tage startet in Flensburg die Ausbildung von De-Eskalationstrainern. 28 Sozialarbeiter, Lehrer und Polizisten werden ab nächstem Jahr als Multiplikatoren in und um Flensburg arbeiten. Wie in einer Pyramide werden die ausgebildeten De-Eskalationstrainer an Schulen, in Freizeiteinrichtung und überall dort, wo Jugendliche anzutreffen sein, Trainer ausbilden oder beraten. So ist garantiert, dass präventive Maßnahmen genau dort ankommen, wo sie etwas bewegen: bei möglichst vielen Jugendlichen. Dieses innovative Netzwerk wurde im November ausgezeichnet und vom Innenminister als vorbildlich gelobt; übrigens sind auch zwei Lehrer aus Sønderborg unter den 28 angehenden Trainern.

Inhaltlich haben die Flensburger unter Federführung des Kriminalpräventiven Rates das dänische Modell weiterentwickelt, indem sie vor allem den handwerklichen Ansatz verfolgen. Gute, theoretische Konzepte gibt es genug, doch das direkte Training in Gruppen und die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen kommt oftmals zu kurz. Auch die Arbeit mit den Jugendlichen, um die es hier geht, lösen bei Ungeübten schnell Frust und Abwendung aus; letzteres provozieren die Jugendlichen geradezu, damit sie in Ruhe so weitermachen können, wie bisher. Wie man mit diesem Verhalten umgeht, lernen die angehenden Trainer buchstäblich am eigenen Leib, damit die Nachhaltigkeit der Ausbildung gewährleistet ist. Das Flensburger Netzwerk verlässt sich dabei auf die solide Arbeit der Stadtteilreviere, deren Beamte mehrmals wöchentlich in den Schulen sind. Das Ziel besteht in der Schaffung von kurzen und kürzesten Wegen sowie einer einheitlichen Sprache und Problembeschreibung aller Profis.

Das Rad muss also nicht neu erfunden werden – und vor allem nicht mit englischen Schlagworten „aufgehübscht“ werden. Vielmehr gilt es die Flensburger Erfahrungen auszuwerten und auf andere Städte und Landkreise in Schleswig-Holstein zu übertragen.