Pisa-Schock: Wir brauchen eine grundlegende Reform des Schulsystems

28.02.2002 22:17

Grußwort der bildungspolitischen Sprecherin des SSW, Anke Spoorendonk, zum Jahreskongress des Philologenverbandes Schleswig-Holstein:

Die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie Pisa riefen in der deutschen Öffentlichkeit und in den Medien einen wahren Sturm der Entrüstung hervor. Man kann ihn vielleicht mit der Debatte vergleichen, die durch die sehr engagierte Rede des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog ausgelöst wurde, über den aus seiner Sicht katastrophalen Zustand des deutschen Bildungssystems. Das war 1997. Bei ehrlicher Betrachtungsweise müssen wir uns eingestehen, dass seitdem in der Weiterentwicklung unseres Bildungssystems wenig passiert ist.

Was ist dann nun so katastrophal an den Ergebnissen der Pisa-Studie? – Wobei ich unterstreichen möchte, dass man im Grunde viele der internationalen Bildungsvergleiche immer mit Vorsicht genießen sollte. Dennoch handelt es sich nach Aussagen der Expertinnen und Experten bei der Pisa-Studie um eine sehr seriöse Untersuchung der OECD, die auch von allen Mitgliedsländern vorher anerkannt worden ist. –

Da alle Details in dieser Runde bekannt sind, werde ich jetzt nicht auf die Ergebnisse im Einzelnen eingehen. Es sollte uns aber beunruhigen, dass die Leistungsunterschiede zwischen den Besten und den Schlechtesten in fast keinem Land so krass ausfallen wie in der Bundesrepublik. Das mag zum einen an den vielen ausländischen Schülerinnen und Schülern liegen. Zum anderen kann man aber bei dieser Debatte nicht übersehen, dass das deutsche Schulwesen wenig zur Integration von schwachen Schülern gleich welcher Nationalität beiträgt. Denn der typische schwache Leser ist laut Pisa der männliche Jugendliche aus einer Migranten- oder sozial benachteiligten Familie. Mädchen schneiden beim Leseverständnis wesentlich besser ab als die Jungen.

Das heißt, das Ziel durch die Bildungspolitik, Chancengleichheit und gesellschaftlichen Auf-stieg zu ermöglichen, wird hierzulande scheinbar überhaupt nicht erreicht. Das ist angesichts der bildungspolitischen Diskussion der letzten dreißig Jahren äußerst ernüchternd. Die Bildungsministerin sieht die Hauptprobleme im Unterricht selbst. Sie ist der Meinung, dass beispielsweise das anwendungsbezogene Wissen und das Verständnis von Texten – insbesondere den schwächeren Schülern – nicht gut genug vermittelt wird. Sie vertritt dazu die Auffassung, dass wir eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Eltern und Bildungseinrichtungen brauchen und bereits im Kindergarten unsere Kinder besser mit Texten und Büchern vertraut machen sollten. Auch die Ausbildung und Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer muss besser werden.

Alle angesprochenen Punkte sind richtig und werden auch vom SSW unterstützt. Das heißt, das Umfeld und der Inhalt von Schule müssen verbessert werden – in einer gemeinsamen Anstrengung von Eltern, Lehrkräften und Politikern, die ja die Rahmenbedingungen setzen: Wenn das gesagt ist, kommen wir aber dennoch nicht herum, die Frage der Ressourcen und Strukturen zu diskutieren.

Auch bei den finanziellen Ressourcen, die die Bundesrepublik per Schülerinnen und Schüler einsetzt, liegen wir relativ weit hinten im Feld der Industrienationen. Dass dieses ein faktisches Problem ist, zeigt ja auch, dass wir in fast allen Bundesländern ein Problem mit der Unterrichtsversorgung haben. Kurz gesagt: Wir müssen mehr Ressourcen für die Bildung freisetzen, wenn wir im internationalen Vergleich auch in Zukunft mithalten wollen.

Der SSW mahnt schon seit Jahren in den bildungspolitischen Debatten des Landtages grundlegende Reformen des Schulsystems und auch der Lehrerausbildung an. Wobei ich unterstreichen möchte, dass der SSW eine Einführung des Abiturs nach 12 Schuljahren weiterhin ablehnt, wenn es keine echte Reform des Gymnasiums zur Folge hat. Von daher betrachtet der SSW die vom Bildungsministerium initiierte probeweise Einführung eines 8-jährigen Gymnasium mit Skepsis.

Leider versucht man also immer noch nur an den Problemen herumzudoktern, statt endlich das gegliederte Schulsystem aufzubrechen. Die Mehrheit des Landtages war nicht einmal bereit, kleine Schritte in diese Richtung zu gehen; zum Beispiel wurde im Frühjahr die Forderung des SSW nach Einführung einer sechsjährigen Grundschule auf regionaler Ebene abgelehnt.

Es geht also kein Weg daran vorbei: wir müssen endlich eine grundlegende Reform des Schulsystems in Angriff nehmen.