Sprachheilpädagogische Förderung

22.02.2007 12:27

Von: Anke Spoorendonk


Kleine Kinder, die den lautlichen Unterschied zwischen dem D und dem T nicht hören können, für die also Fehde und Fete das absolut gleiche sind, scheitern später als Schulkinder: sie hören keinen Unterschied und schreiben ihn demzufolge auch nicht. Diese Kinder scheitern bei Diktatprüfungen und erhalten wegen unzureichender Rechtschreibung schlechte Noten. Das baut Schulfrust, der durch eine Frühförderung vermeidbar gewesen wäre.

Wir müssen also die möglichst frühzeitige Förderung von Kindern sicherstellen, damit die Kinder in der Schule nicht versagen. Diese beiden Zusammenhänge sind klar und auch mehrmals im Landtag einhellig besprochen worden. Nicht nur besprochen, es wurde auch Nägel mit Köpfen gemacht. Der SSW lehnt in diesem Zusammenhang aber eine einseitige Bestandsgarantie einzelner Institutionen kategorisch ab. Nach meinem Dafürhalten sollte der Landtag über Strukturen entscheiden und nicht über einzelne Einrichtungen.

Das vorbildliche Integrative Sprachförderkonzept der Landesregierung leistet gute Arbeit; allem voran das Projekt „Fördephon“. Wir werden meines Erachtens zu Recht bundesweit dafür gelobt.

Dennoch möchte ich auf einige offene Frage hinweisen. Ich beziehe mich auf Zahlen aus Flensburg. 83 Kinder von 634 potenziellen Schulanfängern wurden dort 2005 als besonders förderungsbedürftig eingestuft. Das ist keine besonders hohe Zahl. Von den Kindern mit Förderbedarf hatte allerdings jedes fünfte gar keinen Kindergarten besucht. Für diese Kinder fängt also erst mit der Einschulung die Förderung an. Dann kann es manchmal schon zu spät sein. Obwohl das Projekt SPRINT gerade in diese Lücke einspringen soll, halten wir unsere Forderung aufrecht, Kinder auch jenseits der Institutionen zu fördern und das möglichst frühzeitig. Der SSW hat es in der Vergangenheit beharrlich gefordert: wir müssen Wege finden, auch diejenigen Kinder zu erreichen, die keinen Kindergarten besuchen. Aus diesem Grund müssen wir aufsuchende Sozialarbeit auf stabile institutionelle Füße stellen.

Den Problemen von zweisprachigen Kindern, die Schwierigkeiten mit der Schulsprache Deutsch haben, wird mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen zu Leibe gerückt. Die Einbeziehung der Eltern ist dabei besonders wichtig, damit die Kinder ausreichend motiviert werden. Hier könnte meines Erachtens noch mehr geschehen. Probleme bei Sprache und Kommunikation haben aber nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund. Auch in deutschen Familien wird oftmals länger vor dem Fernseher gesessen als zusammen gesprochen. - Die Presse schreckte seine Leserschaft letzte Woche mit der Horrorvision der „Generation der Stammler und Nuschler“ auf.

Bei immer mehr Kindern würden bei der Einschulung Sprachdefizite festgestellt. Allerdings fragen Kritiker, ob wir nicht eine Geisterdebatte führen. Bei 50 verschiedenen Sprachtests allein in Deutschland liegt der Verdacht nahe, dass man heute sensibler auf kleine Defizite reagiert als noch vor zehn Jahren. Sogar Wissenschaftler kapitulieren vor der Frage, welcher sprachliche Entwicklungsstand bei Kindern in einem bestimmten Alter normal ist. Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kinder sich heutzutage kaum noch in Ruhe entwickeln können. Eine ausufernde Ratgeber-Industrie verunsichert Eltern und Pädagogen. Ich denke, dass wir hier ein vernünftiges Mittelmaß finden müssen.

Kinder, die allerdings gravierende Artikulations- und Wortfindungsprobleme haben, sollten wohnortnah gefördert werden. Ich halte nichts davon, Kindergartenkinder viele Kilometer durch die Gegend zur Sprachförderung zu kutschieren. Das vermittelt ihnen den Eindruck, dass bei ihnen irgendetwas nicht stimmt. Eine Förderung direkt im Kindergarten durch eine Sprach- oder Heilpädagogin scheint mir der beste Weg zu sein. Die Fortbildung der Pädagogen in den Kitas ist die starke Säule der Sprachförderung in Schleswig-Holstein. Sie sind in der Lage, Sprachentwicklungsverzögerungen zu erkennen und den Eltern die geeigneten Maßnahmen zu empfehlen.

Das spricht nicht gegen eine, in den meisten Fällen vorübergehende, Unterbringung in einem Internat. Kinder mit komplexen Sprachstörungen haben die Möglichkeit, das Internat in Wentorf zu besuchen, dass durch seine ganzheitliche Arbeit Hervorragendes leistet.
Letztlich sollten wir aber versuchen, dem Motto „Kurze Wege für kurze Beine“ zu genügen und die Förderung der Kinder vor Ort ermöglichen.