Störfall im Atomkraftwerk Brunsbüttel

22.03.2002 15:43

Von: Lars Harms

Bei der Diskussion um den Störfall im Atomkraftwerk Brunsbüttel werden zwei Kernfragen wieder einmal deutlich: Erstens: „Können wir den Betreibern immer vertrauen?“ und zweitens „Wie sicher ist die Kernenergie an sich?“
Nach zwei Monaten erkannte man, nach Aussagen des Betreibers, dass es sich beim Störfall sogar um einen gravierenden Störfall gehandelt hat. Zumindest wird der Leiter des Kernkraftwerks Brunsbüttel so zitiert. Innerhalb des Sicherheitsbehälters war eine Kühlleitung an zwei Stellen explodiert. Man geht von einer Wasserstoffexplosion aus, die man sich derzeit noch nicht erklären kann. Zumindest waren die Verantwortlichen sehr überrascht, was sie bei der Inspektion zwei Monate nach dem Unfall vorgefunden hatten.
Die eben dargestellten Tatsachen zeigen vor allem eines, die Atomenergie ist nicht so sicher, wie sie immer wieder dargestellt wird. Wir müssen einfach feststellen, dass wir es mit einer gefährlichen Technologie zu tun haben, die wir nicht kontrollieren können.
Zwar soll angeblich, keine unmittelbare Gefahr bestanden haben, aber anhand des Vorfalls in Brunsbüttel wird deutlich, dass eine latente Gefahr immer vorhanden ist. Was wäre gewesen, wenn nicht diese Kühlleitung, sondern eine andere explodiert wäre? Diese Frage lässt sich schließlich auf das ganze System ausweiten, schließlich gibt es überall einmal Materialien mit möglichen Ermüdungserscheinungen oder Fehlfunktionen. Dass auch an einer anderen gefährlicheren Stelle einmal etwas passiert, ist nicht auszuschließen.
Erschwerend kommt nun hinzu, dass man zwei Monate lang den Störfall geringer eingeschätzt haben will, als er tatsächlich war. Wenn das stimmt, ist eine solche Fehleinschätzung immer wieder möglich. Dies wäre ein weiterer Hinweis auf die extreme Unsicherheit und Gefährlichkeit dieser Technologie. Schließlich haben wir es hier mit einer Technologie zu tun, die vielen Menschen das Leben kosten kann, wenn sie nicht einwandfrei funktioniert.
Erstaunlich ist dabei auch, dass eine 2,7 Meter lange Rohrleitung explodieren kann, ohne dass andere Leitungen erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurden. Dies ist kein Grund zur Freude, sondern eher ein Grund zum erleichtert Aufatmen. Was wäre eigentlich gewesen, wenn die Kühlleitung einige Meter weiter weg explodiert wäre? Auf diese Frage hätte ich doch noch einmal gerne eine Antwort, damit man den Vorfall unter Gefahrengesichtspunkten auch richtig einschätzen kann.
Das Vertrauen in die Kernenergie ist durch den Vorfall weiter erschüttert worden. Presseberichten war zu entnehmen, dass der Betreiber am Tag des Störfalls auf dem freien Strommarkt Ersatzstrom für den erwarteten Ausfall des AKW Brunsbüttel gekauft hätte, den er dann kurzfristig wieder mit Verlust verkauft haben soll. Darüber hinaus wurde berichtet, dass das Wiederanfahren des Reaktors gegen den Willen der Bedienungsmannschaft angeordnet worden sein soll. Wenn das stimmt, haben wir nicht nur das Problem, dass die Technik an sich unzuverlässig ist, sondern dass auch der Betreiber unzuverlässig sein könnte. Dies sind natürlich nur alles Spekulationen, wie sie in der Öffentlichkeit geäußert wurden. Trotzdem muss man solche Spekulationen ernst nehmen und sie eingehend überprüfen. Dies ist nicht nur im Interesse der Bürger sondern auch im Interesse des Betreibers.
Vor diesem Hintergrund begrüßen wir ausdrücklich das schnelle Handeln der Landesregierung, die sich unverzüglich eingeschaltet hat. Nur durch das ständige Drängen der Landesregierung kam es zu der nachträglichen Untersuchung des Vorfalls, bei der die gesamte Tragweite des Störfalls offensichtlich wurde. Ohne dieses kritische Hinterfragen des Störfalls, wären seine Ausmaße möglicherweise unentdeckt geblieben.
Inzwischen sind die im Zusammenhang mit dem Störfall auftretenden Fragen durch das Energieministerium in einem Fragenkatalog zusammengefasst und vom Betreiber auch schon beantwortet worden. Die Antworten auf die Fragen müssen nun eingehend geprüft werden und mögliche Nachfragen gestellt werden, damit sich der Vorfall lückenlos nachvollziehen und aufklären lässt.
Ich glaube nicht, dass die Frage der Kernenergie sich mit dem Atomkompromiss auf Bundesebene erledigt hat. Wir müssen uns immer wieder mit den Gefahren der Atomenergie beschäftigen. Eine unsichere Technologie, ein Vertrauensverlust auf breiter Basis und die Ereignisse des 11. September lassen die Atomenergie in einem neuen Licht – aber nicht in einem besseren Licht – erscheinen.
Herr Minister Möller, sie werden in einer Zeitung mit folgendem Satz zitiert: „Die größtmögliche Sicherheit ist die, dass man abschaltet.“
Dem ist nichts hinzuzufügen, sondern nur noch zuzustimmen.