Viel Theater um ein Theater

13.03.2014 10:36

Sanierung des Theaterbaus am Lollfuß würde über 15,5 Mio. Euro verschlingen. Schleswig steht vor einem Scherbenhaufen.

SCHLESWIG (PD). Die freundliche Kulturstadt an der Schlei kommt einfach nicht zur Ruhe.  

Seit dem überraschenden Kurswechsel der CDU-Fraktion, der zur Ablehnung des einst von der Ratsversammlung angestrebten Neubaus eines Landestheaters auf dem Hesterberg führte, überschlagen sich die Ereignisse nahezu täglich. 

 

70 Mitarbeiter in Schleswig bangen um ihren Arbeitsplatz

Generalintendant Peter Grisebach kündigte umgehend Konsequenzen an.  
Der Verlust der Spielstätte Schleswig führe zu Mindereinnahmen im Millionenbereich für Landestheater GmbH, ein Stellenabbau sei daher unvermeidlich, so Grisebach, der seinem Frust über „das völlig undurchsichtige Spiel der CDU, die uns hier ans Messer liefert“ freien Lauf ließ. Allein in Schleswig müssen 53 Mitarbeiter im Schauspiel und 17 Verwaltungskräfte nun um ihre Jobs bangen. 
Die Einparmaßnahmen sollen sich zunächst auf den Abbau frei werdender Stellen konzentrieren. Nach 2016, wenn der Vertrag mit der Interimsspielstätte Slesvighus ausläuft, könne er weder Kündigungen noch Einsparungen in weiteren Bereichen ausschließen, so Grisebach. Ende des Monats will er konkrete Zahlen vorlegen. 

Justizministerin Anke Spoorendonk kündigte indessen an, die ursprünglichen Pläne für den Hesterberg wiederaufzunehmen. Hier sollen künftig Magazinräume für die Stiftung Landesmuseen bereit gestellt werden. 

Sanierung des Lollfuß in weite Ferne gerückt

Der Stadt blieb somit nichts anderes übrig als die von CDU, Grünen  und FDP geforderte, angeblich wesentlich günstigere Sanierung des bisherigen Theaterstandortes am Lollfuß nochmals zu prüfen zu lassen.  
Am Dienstag stellte der von der Stadt beauftragte Sachverständige, Wilhelm Hartmann, sein mit Spannung erwartetes Gutachten zum Lollfuß vor. 

Allein die Sanierung würde 15,5 Millionen Euro verschlingen, so der Experte aus Köln. Hinzu kämen eine weitere sechsstellige Summe für die Wiederherstellung des eigentlichen Spielbetriebs.

Allein der Status Quo im Lollfuß wäre also erheblich teurer als das ursprünglich gemeinsam mit Kulturministerin Spoorendonk erarbeite Hesterberg-Konzept, das über den Theaterbetrieb hinaus auch Möglichketien für eine multifunktionale Nutzung vorsah. 

Das haute selbst den unbelehrbarsten Lollfuß-Verfechter aus den Socken. „Solche Zahlen haben wir nicht erwartet“, so CDU-Chef Holger Lehmkuhl gegenüber dem SHZ. 
Seine Fraktion hatte ihr Nein zum Hesterberg-Projekt schließlich mit Verweis auf die Kosten begründet - und auf die anderhalbseitige Expertise eines lokalen Ingenieurs, wonach sich die Statik für 200.000 Euro wieder herstellen ließe.  

Angesichts der neuen Zahlen dürfte eine Sanierung des Lollfuß in weite Ferne gerückt sein. Alternativen gibt es derzeit keine. 

„Für ein bisschen Polittheater“

„Die CDU hat die fast 400-jährige Theatertradition der Stadt Schleswig für ein bisschen Polittheater geopfert. Aus dieser Verantwortung werden wir sie nicht entlassen“, sagte Lars Harms, Vorsitzender des SSW im Landtag. 

Er forderte die CDU auf, sich bei den Menschen zu entschuldigen. Den Schaden der christdemokratischen Brechstangen-Politik trügen schließlich alle davon: Mit weniger Kultur, weniger Bildung, weniger Arbeitsplätzen, weniger Touristen und weniger Umsatz. 

Unterdessen ist im Land ein Tauziehen um den neuen Standort für die Generalintendanz und die Theaterverwaltung ausgebrochen. Schleswig war schließlich die Schaltzentrale des gesamten Landestheaters in Schleswig-Holstein. Derzeit ist vor allem Rendsburg im Gespräch, doch auch Itzehoe und Flensburg sollen Interesse signalisiert haben.  

Wie schrieb Bertold Brecht: 

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / 
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ 


UPDATE: Die Schleswiger Ratsfraktionen von SSW und SPD haben jetzt als Versuch einer letzten Rettungsmaßnahme den Standort Hesterberg wieder ins Spiel gebracht. CDU, FDP und Grüne lehnten dies erneut kategorisch ab. Bleibt festzuhalten: Die wollen einfach kein Theater in Schleswig.