Wir fördern aktiv den Kulturtourismus der Minderheitenregionen

20.03.2015 11:23

Flemming Meyer zu TOP 37 - Perspektiven für die Westküste

Als der Landtag am 11. November 2005 schon einmal über die Perspektive der Westküste debattierte, musste mein Kollege Lars Harms die damalige Landesregierung erst auf vorbildliche regionale Kultur- und Tourismusprojekte in anderen Gegenden Europas hinweisen. Die Landesregierung hatte damals – also vor ungefähr zehn Jahren – die Idee des kulturellen Tourismus der Minderheitenregionen noch überhaupt nicht auf dem Radar. Ob das nun damals Ignoranz oder Borniertheit entsprang, mag ich heute nicht zu beurteilen – Fakt ist, dass die neue Landesregierung nicht nur den Wert des Kulturtourismus erkennt, sondern auch aktiv fördert. Die Landesregierung hat erkannt, dass sprachliche Vielfalt ein prägendes Alleinstellungsmerkmal im Kreis Nordfriesland ist (S. 22). Damit kann richtig Geld verdient werden. Ich spreche unter anderem von den Biikefest, das inzwischen als Weltkulturerbe anerkannt, das friesische Erbe feiert und gleichzeitig die Saison verlängert. Immer mehr Veranstalter nehmen dieses Volksfest in ihr Programm auf und locken Gäste nach Nordfriesland. Der Februar galt bislang als einer der umsatzschwächsten Monate an der Küste – in Friesland ändert sich das gerade. Auch jenseits vom Biikefest zieht die kulturelle Vielfalt. So vermittelt die zweisprachige Beschilderung den Touristen das Gefühl, in einer ganz besonderen Region Urlaub zu machen. Das ist kein gering zu schätzender Vorteil in der Konkurrenz der Regionen um zahlungswillige Urlauber. Die Westküste profitiert inzwischen von ihrer Einzigartigkeit, die sie jahrelang nicht aktiv beworben hat. Das findet natürlich die besondere Unterstützung des SSW als Partei zweier nationaler Minderheiten. 

Die Berücksichtigung des Kulturtourismus in der Mehrsprachenregion Nordfriesland ist aber nur eines von mehreren Unterschieden zwischen dem aktuellen und dem vergangenem Westküstenbericht. 2005 wurde erstmals der Kreis Steinburg in die Strukturförderung der Westküste miteinbezogen. Wie sich aus heutiger Sicht zeigt, war das eine richtige Entscheidung. Man kann Regionen nicht isoliert betrachten; ansonsten provoziert man massive Strukturfehler. Dass beherzigt die Landeregierung ausdrücklich, indem sie beispielsweise Dänemark nicht nur als Verkehrspartner und Nachbarland in die Planungen einbezieht, sondern auch beim Ausbau des Stromnetzes einplant. So muss moderne Regionalpolitik aussehen! 

Vernetzte Regionalpolitik bedeutet gleichzeitig, die Zusammenarbeit an der Westküste, beispielsweise zwischen den Kommunen, zu unterstützen. Auch das macht die Landesregierung in vorbildlicher Art und Weise. 

Wie nicht erst seit diesem Bericht zur Entwicklung der Westküste feststeht, hat die Landesregierung einen vollständigen Perspektivenwechsel in der Regionalpolitik vollzogen. Die Landesregierung legt besonderen Wert darauf, die Region nicht von oben nach unten zu entwickeln, sondern ausschließlich im Dialog. „Die anstehenden Herausforderungen können nur gemeinsam vom Land und den regionalen Akteuren bewältigt werden“, (S. 3) heißt es wortwörtlich im Bericht. Damit wird klar, dass die Landespolitik nicht länger auf Konfrontation, sondern auf Kooperation setzt. Was sich in Kiel am Schreibtisch vielleicht ganz plausibel liest, muss eben nicht zwangsläufig an der Westküste auch tatsächlich funktionieren. Hier spart die Abstimmung vor Ort bares Geld. Das könnte ebenso für Brüssel gelten. Leider müssen sich viele Projektentwickler der Logik europäischer Förderinstrumente unterwerfen. Ich würde mir wünschen, dass die europäische Förderpolitik mehr Rücksicht auf die Gegebenheiten vor Ort nehmen würde. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

Neu ist auch, dass die Landesregierung anerkennt, wie groß die Kreativität an der Westküste tatsächlich ist. Die Akteure haben zuletzt mit dem Versorgungszentrum in Brunsbüttel gezeigt, dass sie etwas in Gang bringen können. Hier sollten wir weiterhin genau hinhören, damit uns auch nichts durch die Lappen geht.

Die Westküste ist Heimat. Bis zu einem gewissen Grad sind die Menschen an der Küste zu Kompromissen bereit, zum Beispiel beim Einkommen. Am Jahresende meldeten die Zeitungen, dass das Durchschnittseinkommen in Dithmarschen am Ende alle schleswig-holsteinischen Kreise lag, nämlich bei knapp 30.000 Euro. Das ist ein Alarmzeichen, denn man weiß, dass die Menschen dem Einkommen folgen. Dithmarschen, wie die gesamte Westküste, hat ein Defizit an akademischen Arbeitsplätzen. Da müssen wir am Ball bleiben.

Die Landesregierung bemüht sich, diese Entwicklung zu steuern. Arbeits- und Ausbildungsplätze kann aber auch die beste Landesregierung nicht einfach verordnen. Sie kann nichts anderes tun, als die Rahmenbedingungen zu verbessern. Das Landesprogramm Arbeit ist dafür ein wichtiger Baustein. Auskömmliche Arbeitsplätze bilden nämlich die Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung. Die müssen nicht immer direkt vor Ort sein, aber zumindest gut zu erreichen. Mobilität in Verbindung mit ausreichenden Angeboten im Bereich Kindergarten, Schule, Weiterbildung und Gesundheitsfürsorge sind die Ecksteine für eine gute Entwicklung der Westküste.