Wirtschaftsraum Brunsbüttel

01.07.2011 12:17

Von: Lars Harms

In Brunsbüttel liegt das größte Industriegebiet unseres Landes. Die Wirtschaftsförderung vor Ort gibt an, dass mehr als 12.000 Arbeitsplätze in der Region von Brunsbüttler Unternehmen profitieren, über 4.000 davon direkt in Brunsbüttel. Diese beeindruckenden Zahlen sind aus unternehmerischen Maßnahmen, einer gezielten Wirtschaftsförderung und nicht zuletzt aus einer exzellenten Verkehrsinfrastruktur erwachsen. Was Brunsbüttel ausmacht, ist seine
Lage an Elbe und Nord-Ostsee-Kanal und seine drei Häfen.
Diese Fakten sollten die Landesregierung eigentlich gegenwärtig sein; die Wartung und Pflege des industriellen Motors des Landes sollte nicht nur beim zuständigen Wirtschaftsminister, sondern bei der gesamten Landesregierung ganz oben auf der Agenda stehen.
Tut es aber nicht.
Stattdessen verharrt die Landesregierung in ihrer Rolle als Beobachter und kommentiert wie einst die beiden Senioren Waldorf und Statler die Muppets-Show. Da wird begrüßt und gut geheißen, ermuntert und gelobt. Die Landesregierung hat keine eigene Vision, wie sich der Wirtschaftsraum Brunsbüttel entwickeln könnte. Man wartet und verschanzt sich hinter Machbarkeitsstudien. Der Ministerpräsident hat anlässlich der 725-Jahr-Feier in Brunsbüttel lediglich weitere Flächen in Aussicht gestellt, wo Windenergieanlagen gebaut werden können. Perspektiven sehen anders aus.

Dabei müssen die Hafenanlagen schleunigst in Abstimmung mit den Nachbarhäfen ausgebaut werden. Wer schon einmal in Rotterdam oder London war weiß, dass Hafenanlagen sich über viele Kilometer erstrecken können und doch von einer Stelle aus gemanagt werden können. Und das übrigens sehr erfolgreich. Nur entlang der Elbe regieren drei Bundesländer jeweils über ihre Abschnitte und graben ihren Häfen dabei im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser ab.

Erste Ansätze gibt es, bemerkenswerterweise allerdings von unten nach oben. So präsentierten sich die Brunsbüttler Häfen auf der Münchner Logistik-Messe auf einem gemeinsamen Stand mit den Hamburgern, um für die Verschiffung von Offshore-Windanlagen zu werben. Jetzt muss zügig ein passgenaues Angebot entwickelt werden. Die notwendigen Hafenanlagen müssen in unmittelbarer Zukunft gebaut werden. Andernorts ist man schon weiter: Bremerhaven hat bereits einen Terminal, um Windkraftanlagen zu verschiffen zu können und Cuxhaven baut einen eigenen Verladehafen.
Die Konkurrenz schläft also nicht.
Trotzdem warne ich vor einer einseitigen Ausrichtung der Hafenentwicklung auf den Offshoremarkt. Ohne Zweifel steckt Offshore-Windkraft noch in den Kinderschuhen und hat erheblich Wachstumschancen. Aber der Norden muss sich breiter aufstellen. Das sichert in Krisenzeiten Stabilität und ist damit ein großer Wettbewerbsvorteil – gerade für diejenigen, die als letzte auf dem Markt antreten wie die schleswig-holsteinischen Häfen. Ich warne davor, sich allzu selbstsicher auf ausschließlich eine Fertigkeit verlassen: Im Fall Brunsbüttel nur auf die Verschiffung von Windanlagen. Die Wirtschaftsgeschichte ist voll von Geschichten über den kometenhaften Aufstieg und dem tiefen Fall von Firmen, die sich einseitig orientiert haben und dann den Anschluss verpassen.
Darum sehe ich die „Hafenkooperation Offshore-Häfen Nordsee“ nur als eine Teilstrategie für die zukünftige Ausrichtung unserer Häfen.

Regelrecht bizarr wird es, wenn das Wirtschaftsministerium den internen Wettbewerb der Häfen innerhalb Schleswig-Holsteins befeuert. Ein integriertes Hafenkonzept fehlt. So kann man denn den Häfen ungestört vom Grünen Tisch aus den Garaus machen. Sie werden buchhalterisch ausschließlich als Kostenverursacher gesehen. Die verheerenden Folgen dieser Haltung werden die Menschen an der Westküste bald zu spüren bekommen.
Die Wirtschaft Schleswig-Holsteins ist stark verwoben mit der Wirtschaft der Metropolregion Hamburg. Und die hängt am Hamburger Hafen.
Die Forderung des SSW nach einer Hafenkooperation ist derzeit aktueller denn je. Die Vorlagen zur Enquete-Kommission strotzen nur so von Forderungen nach besserer Kooperation.
Die Abwicklung des Kernkraftwerkes in Brunsbüttel ist ein hervorragender Anlass, das Heft des Handels in die Hand zu nehmen. Darum muss geklärt werden, wie die Bedarfe der Wirtschaft bezüglich eines modernen Hafens sind.
Das kann man natürlich nicht mittels eines kläglichen Vier-Zeilen-Antrages in Angriff nehmen. Eine überregionale Wirtschaftsstrategie, in der Brunsbüttel dauerhaft seinen Infrastrukturvorteil als Hafen ausspielen kann, bedarf konzertierter Anstrengungen. Broschüren, Grußworte und mündliche Berichte im Landtag reichen dazu nicht aus. Vielmehr brauchen wir, wie schon lange vom SSW gefordert und beantragt, den Willen zu einer engen Kooperation aller Häfen an Elbe und Nordseeküste, die mindestens in einer gemeinsamen Vermarktung münden muss.