Rede · 09.10.2026 Familienzentren dauerhaft und verlässlich finanzieren!
„Für den SSW sind Familienzentren unverzichtbare soziale Infrastruktur. Sie verkörpern ein Sozialstaatsverständnis, das uns besonders nahesteht: niedrigschwellig, präventiv, wohnortnah und nicht zuletzt auch stigmatisierungsfrei.“
Christian Dirschauer zu TOP 46 - Bericht zur Situation und Arbeit der Familienzentren in Schleswig-Holstein (Drs. 20/4635)
Erst einmal möchte ich mich für den recht informativen Bericht bedanken. Bekanntlich haben zwar nur etwas mehr als die Hälfte aller Familienzentren auf die Fragen des Ministeriums geantwortet. Wodurch die Ergebnisse, auch nach Aussage der Regierung, nicht auf alle Einrichtungen hochrechenbar sind. Aber aus meiner Sicht liefert der Bericht trotzdem einen wertvollen Einblick in die Arbeitsschwerpunkte, finanziellen Grundlagen und Auslastung der Familienzentren im Land. Und er zeigt uns vor allem auch, wie wichtig diese präventive und niedrigschwellige Unterstützung für viele Familien ist. Daher will ich diese Gelegenheit vor allem auch dafür nutzen, um den Beschäftigten meinen größten Dank und Respekt auszusprechen.
Es gibt allerdings auch eine Reihe von Aspekten, die der Bericht nicht oder unzureichend beleuchtet: Es werden zwar große regionale Unterschiede in der Versorgung deutlich. Aber es fehlt eine ehrliche Analyse der Versorgungsgerechtigkeit im Land. Wichtige Angaben zur Erreichbarkeit und Wirksamkeit der Zentren pro Einwohner oder Kinderzahl sucht man vergebens. Auch den erwähnten hohen Mittelabfluss mag man als Erfolg bewerten. Aber über die Wirksamkeit der Angebote sagt diese Zahl nichts aus. Außerdem fehlen Zahlen zur Sozialstruktur, zur Kinderarmut oder zu Unterschieden zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Noch dazu muss die Landesregierung selbst einräumen, dass sie keinen Überblick über die kommunale Gesamtfinanzierung und darüber hat, welche Kommune welches Familienzentrum in welcher Höhe fördert. Da würden wir uns für die Zukunft schon wünschen, dass man regionale Versorgungsunterschiede transparenter macht und insgesamt mehr relevante Daten erhebt.
Ich will es ganz deutlich sagen: Für den SSW sind Familienzentren unverzichtbare soziale Infrastruktur. Sie verkörpern ein Sozialstaatsverständnis, das uns besonders nahesteht: niedrigschwellig, präventiv, wohnortnah, frühzeitig und nicht zuletzt auch stigmatisierungsfrei. Die Menschen, die hier arbeiten, begleiten, beraten, vermitteln und schaffen Vertrauen. Und dies noch dazu unter oft schwierigen Rahmenbedingungen. Der Kern dieser Arbeit entspricht dem nordischen Prinzip, nicht erst dann zu helfen, wenn Probleme eskaliert sind. Sondern sie ist ein Beispiel dafür, wie sinn- und wirkungsvoll es ist, Familien und Kindern früh gute öffentliche Strukturen bereitzustellen. Denn eins sollte uns allen klar sein: Chancengerechtigkeit beginnt lange vor der Schule.
Auch aus dem Bericht geht die hohe Relevanz dieser Arbeit hervor. So wird zum Beispiel deutlich, dass im Kernbereich der Elternbildung und bei der individuellen Begleitung und Beratung mit sehr hoher Auslastung und Intensität gearbeitet wird. Gleichzeitig sehen wir aber auch eine große Reichweite der Angebote. Und wir können festhalten, dass vor allem benachteiligte Familien und jene mit Migrationsgeschichte von der guten Beziehungsarbeit und den niedrigschwelligen Zugängen profitieren. Dies und die Tatsache, dass nicht zuletzt die Kooperation zwischen Familienzentren und Kita, Schule und weiteren Akteuren im Regelfall sehr gut funktioniert, ist aus Sicht des SSW sehr erfreulich.
Die Erfahrung zeigt, dass Familienzentren gerade auch die Menschen erreichen, an denen so manche Behörde und manch klassisches Beratungsangebot oft vorbeigeht. Und gerade, weil hier wertvolle Beziehungsarbeit geleistet wird und viele Familien über längere Zeiträume eng begleitet werden, wird doch eins besonders deutlich: Diese Angebote und vor allem das hier tätige Personal müssen dauerhaft und verlässlich finanziert werden. Denn nur so können sie den Familien auch dauerhaft und verlässlich zur Verfügung stehen. Auch die Landesregierung benennt den Faktor Beziehungskontinuität im Bericht explizit als Erfolgsfaktor dieser Arbeit. Daraus muss doch vor allem eins folgen: Diese soziale Infrastruktur braucht dieselbe Verlässlichkeit wie andere öffentliche Infrastruktur auch.
Aus Sicht des SSW ist jedenfalls völlig klar: Die Arbeit der Familienzentren darf nicht dauerhaft wie Projektarbeit behandelt werden. Sie brauchen verlässliche Unterstützung und deutlich längere Planungshorizonte. Wir müssen dafür sorgen, dass das Personal gehalten werden kann. Und wir sollten uns auch dringend Gedanken darüber machen, wie wir den bürokratischen Aufwand in diesem Bereich verringern. Denn auch der trägt zu erschwerten Arbeits- und Rahmenbedingungen und damit zur Frustration unter den Mitarbeitenden bei. Neben einer verlässlichen Finanzierung müssen wir also auch hier ran und für Entlastung sorgen.