Snååkst dü frasch?
SSW wirkt: Das Nordfriisk Liirskap soll den Friesisch-Unterricht im Land fördern und bringt jetzt erste Materialien in den Umlauf. Aber wie funktioniert das eigentlich mit der Entwicklung von Sprachkursen und Lehrmaterial? Ein Besuch in der Werkstatt.
Am Anfang stand ein Brandbrief. Friesisch-Lehrkräfte schlugen im Jahr 2022 Alarm: Die Anzahl der Friesisch-Schülerinnen und -schüler hatte sich dramatisch gesenkt, man wolle der Vermittlung der wertvollen Minderheitensprache endlich einen professionellen Rahmen geben. Weg vom unverbindlichen Lernen im Rahmen von AGs nach Schulschluss, hin zu einem richtigen Schulfach. Dazu gehört auch professionelles Lehrmaterial, das es bislang nicht wirklich gab.“ Jede Lehrkraft hatte sich so ihre eigene Materialsammlung zusammengestellt, aber das war natürlich mühsam”, weiß Lena Terhart zu berichten. So wurde die Idee für das Nordfriisk Liirskap geboren, das Lena heute leitet.
“Liirskap”, das ist Halligfriesisch und hat mehrere Bedeutungen: liire heißt “lernen” und “lehren”, skap kann sowohl als “Schiff” als auch als “-schaft” übersetzt werden. Dass dieses Schiff in See stechen konnte ist auch ein wesentlicher Verdienst des SSW. Die Landtagsfraktion, allen voran der Friese Lars Harms, hatte mit dem Brief eine Steilvorlage bekommen, um mit der Regierung endlich die schon lange bestehende Forderung nach besseren Rahmenbedingungen für die friesische Sprache erfolgreich zu verhandeln. So konnte 2023 mit dem Aufbau des Nordfriisk Liirskap begonnen werden - ein „minderheitenpolitischer Quantensprung“, wie Harms damals sagte. Angesiedelt ist die Einrichtung im Nordfriisk Instituut in Bredstedt und bei der Ferring-Stiftung auf Föhr.
Im Nordfriisk Instituut entwerfen fünf Mitarbeiterinnen Lesetexte, Arbeitsbögen, Rätsel, Wortkarten und Wimmelbilder, die Friesisch-Lernen schmackhaft machen sollen. “Unser großes Ziel ist, das Material für den Friesisch-Unterricht zu professionalisieren”, erklärt Lena Terhart. Die Sprachwissenschaftlerin koordiniert die verschiedenen Arbeitsbereiche im “Liirskap”. Da ist Unterrichtsmaterial, das für den Grundschulunterricht entwickelt wird, aber auch Online-Sprachkurse, die sich an Erwachsene richten, ein Forschungsprojekt zur Sprachweitergabe durch Großeltern sowie die Übersetzung von Kinderbüchern ins Friesische.
Wenn man von “Friesisch” spricht, ist das eigentlich sehr ungenau. Denn es gibt drei friesische Sprachen: Westfriesisch, Saterfriesisch und unser Nordfriesisch; und im Nordfriesischen auch noch zahlreiche Dialekte. Auf Föhr spricht man Fering, auf Amrum Öömrang, auf Sylt Sölring und auf dem Festland weitere Dialekte, unter anderem Mooringer Frasch. Das macht die Erarbeitung von Lehrmaterial zu einer Herausforderung. “Das eine Schulbuch für Friesisch kann es eigentlich nicht geben. Wir bauen zwar ein Grundgerüst, müssen sprachlich aber Dialekt für Dialekt eigene Versionen erstellen”, schildert Lena. Manchmal liegen die Unterschiede nur in Nuancen, manchmal sind es total unterschiedliche Wörter. So heißt der Schmetterling “flenerk”. Zumindest in den Dialekten Öömrang, Fering und Sölring. Bei dem auf dem Festland gesprochenen Frasch hingegen ist es der “samerföögel”. Gar nicht so einfach, wenn man nun zum Beispiel Kreuzworträtsel erstellen will, bei denen es auf die Position der Buchstaben ankommt.
Eine andere Schwierigkeit ist das sehr unterschiedliche Sprachniveau der Friesisch-Schülerinnen und -Schüler im Land. “Manche sprechen es schon von Haus aus, weil Eltern oder Großeltern aktive Sprecher sind, andere starten bei null”, erklärt Franziska Böhmer, die ebenfalls im Liirskap arbeitet. “Beim Material müssen wir also ganz unterschiedliche Lernstände bedenken und immer etwas für alle Niveaus dabei haben.” Und da landet man auch schnell bei der nächsten Herausforderung: Friesisch-Unterricht gibt es in Schleswig-Holstein in ganz verschiedenen Modellen. “Von einer festen Stunde ab Klasse 1 im Klassenverband über freiwillig in AGs ist da alles dabei.”
Doch allen Herausforderungen zum Trotz hat das Liirskap-Team in nunmehr gut zwei Jahren Arbeit schon viele Ordner an Material erarbeitet. Da sind bunte Wimmelbilder, die zum Erzählen einladen sollen, Rätsel, Spiele und natürlich Wortschatz- sowie Lese- und Schreibübungen. Den Rahmen bildet das fiktive nordfriesische Dorf Liirum mit verschiedenen Figuren, welche die jungen Lernerinnen und Lerner Kapitel für Kapitel begleiten. “Es hat wahnsinnig Spaß gemacht, sich Dorf und Personen auszudenken und Geschichten drumherum zu entwickeln”, erzählt Lena. Das fertige Material steht für Friesisch-Lehrkräfte auf einer Download-Plattform bereit und kommt bereits zum Einsatz.
Neben dem Material für den Grundschulunterricht gibt es auch einen Friesisch-Onlinekurs zum Selbstlernen, der sich an Erwachsene richtet. Die Version für Sölring, das Sylter Friesisch, macht dabei den Anfang. Die ersten drei Lektionen sind kürzlich veröffentlicht worden. Der Kurs ist kostenlos, es ist lediglich eine Anmeldung per E-Mail an liirskap@nordfriiskinstituut.de nötig, um die Zugangsdaten zu erhalten.