Rede · 20.06.2024 Chancengerechtigkeit für alle - nur nicht an der Westküste?

„Nicht zur Diskussion steht die Notwendigkeit, das Lehrmittel und oder eine Mahlzeit aus öffentlicher Hand finanziert werden muss, um im ganzen Land Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zu erzielen. Was bringen Labore, Bewegungsräume und Therapeuten, wenn es an Schreibwerkzeug, Papier und einer gefüllten Brotdose fehlt?“

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 24 - PerspektivSchuleKurs 2034- Das Startchancenprogramm in SH (Drs. 20/2226)

In erster Linie bin ich unglaublich dankbar, dass durch das Startchancen-Programm und dem PerspektivSchulkurs-2034 viele Schüler und Schülerinnen in Schleswig-Holstein die Chance auf Unterstützung und Förderung im Schulalltag bekommen.
Es liest sich so wunderbar, was mit den drei Säulen des Startchancenprogramms alles möglich gemacht werden soll. Wie Schulen darin unterstützt werden eine gute Lernumgebung zu schaffen und ihre multiprofessionellen Teams wachsen zu lassen. Das ist alles lobenswert.
Es wurden jetzt 70 Schulen benannt, die die Kriterien des vorgegebenen Sozialindex erfüllen.
70 Schulen in unserem Land können ein Stück vom Kuchen abbekommen und ihre Schüler und Schülerinnen verstärkte Unterstützung anbieten.
Wenn ich richtig gezählt habe – sind das 26 Schulen in Kiel und Lübeck.
26 Schulen in Städten wie Flensburg, Rendsburg, Neumünster, Segeberg oder Pinneberg.
Aber nur zwei in Heide für den Kreis Dithmarschen und nur eine einzige Schule in Husum für den gesamten Kreis Nordfriesland. Laut Sozialindex scheint es an der Westküste kaum Herausforderung in Bezug auf Armut und Migration zu geben. Allerdings wird es auch nördlich von Husum einige Schüler geben, die aufgrund von Armut oder Migrationshintergrund besondere Herausforderungen im Schulalltag erleben.
Fakt ist also, dass die Schüler und Schülerinnen an der Westküste, sofern sie nicht in Heide oder Husum zur Schule gehen, nicht von der Unterstützung des Staatschancenprogramms profitieren können. Dabei sind auch in den ländlichen Gebieten und kleinen Schulen mit geringerem Anteil an Zuwanderung die Schulleistung gesunken und die Streuung der Kompetenzwerte hat sich auch hier erhöht. Die Schere zwischen den Leistungsstarken und den Leistungsschwachen klafft immer weiter auseinander.
Dabei wird als Ziel des PerspektivschulKurs 2034 die Chancengerechtigkeit genannt. 
Der Bildungserfolg soll von der sozioökonomischen Herkunft entkoppelt werden.
Wie soll das zum Beispiel an der Westküste mit drei Schulen flächendeckend gelingen?
Deshalb werde ich jetzt zum wiederholten Male darauf hinweisen, dass wir - um das Ruder rumzureißen und echte Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit erreichen wollen an der Lehrmittelfreiheit arbeiten müssen. Daran führt kein Weg vorbei.
Man kann diskutieren, was und wie viel am Ende einem Schüler kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Nicht zur Diskussion steht die Notwendigkeit, das Lehrmittel und oder eine Mahlzeit aus öffentlicher Hand finanziert werden muss, um im ganzen Land Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zu erzielen. Was bringen Labore, Bewegungsräume und Therapeuten, wenn es an Schreibwerkzeug, Papier und einer gefüllten Brotdose fehlt?
Wir sind auf dem richtigen Weg aber wir müssen auch bei knappen Haushaltslagen im Land wie im Bund, Mittel zusammenkratzen und Prioritäten setzen um in Bildung zu investierten.
Denn wenn ich die Ministerin, Frau Prien aus einer Rede im April 2022 zitieren darf?
„Bildungsgerechtigkeit ist die Voraussetzung, mit der wir das Aufstiegsversprechen der sozialen Marktwirtschaft verwirklichen.“

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