Rede · 28.01.2026 Die Energiewende kann keine 30 Jahre auf die Kernfusion warten
„Wir müssen hier im Norden einen anderen Fokus haben, um aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Und da denke ich: eine bundesweite Allianz zur Erforschung von Energiespeichern wäre genauso wichtig. Oder eine Allianz mit Dänemark, wo wir viel über Biomethanproduktion aus Rest- und Abfallstoffen lernen könnten.“
Sybilla Nitsch zu TOP 7 - Mündlicher Bericht zu Schleswig-Holsteins Rolle in der Fusionsforschung (Drs. 20/3787)
Vermutlich kennen Sie alle die Fusionskonstante. Diese besagt, dass es noch etwa 30 Jahre dauern wird, bis die Kernfusion zur kommerziellen Energiegewinnung eingesetzt werden kann. Diese Konstante ist seit den 1950er Jahren konstant. Aktuell gibt es einige Forscher, die sagen, die Fusionskonstante gilt nicht mehr, wir sind näher dran.
Andere sagen: das ist bisher alles Grundlagenforschung, wir sind noch genau da. Das erscheint mir wie die realistischere Betrachtungsweise, da viele offene Fragen zur Kernfusion noch ungeklärt sind. Unter anderem ist noch offen, ob es gelingen kann, das für die Reaktion notwendige Tritium, das nicht in der Natur vorkommt, in ausreichend großer Menge zu erzeugen, um die Fusionskraftwerke am Laufen zu halten. Das ist ein bisschen so als wenn ich den Bau eines Gaskraftwerkes plane, ohne zu wissen, ob ich je in der Lage sein werde, Gas zu fördern. Wissenschaftliche Grundlagenforschung hat hier ohne Frage ihre Berechtigung und dass diese vom Bund gefördert wird, damit der Wissenschaftsstandort Deutschland auch künftig im Wettbewerb um die klügsten Köpfe mithalten kann, ist meines Erachtens in Ordnung. Auch wenn die dafür bis 2029 eingeplanten 1,7 Milliarden Euro wirklich kein Pappenstiel sind. Auch die Allianz zur Fusionsforschung, an der das Land sich beteiligt, ist unter dem Gesichtspunkt der Wissenschaftsförderung vollkommen in Ordnung. Aber so zu tun, als würde die Fusionsenergie in absehbarer Zeit unseren Energiebedarf decken und die Lücke zwischen den erneuerbaren Energien und den fossilen Kraftwerken schließen können, ist pure Augenwischerei. Und es ist Schönfärberei zu behaupten, dass diese Technologie frei von Risiken und Problemen ist. Spätestens bei der Anwendung im industriellen Maßstab fallen dann doch verstrahlte Abfälle in nicht unerheblicher Menge an, die, wenn auch nicht für viele 10.000 Jahre, doch für einige Hundert Jahre, sicher gelagert werden müssen. Außerdem, selbst wenn die Kernfusion in 30 Jahren dann doch kommen sollte, sie kommt zu spät, um uns heute bei der notwendigen Energiewende zu unterstützen. Die kann keine 30 Jahre mehr warten, da müssen wir jetzt vorankommen. Und das tun wir in Schleswig-Holstein. Wir produzieren im Norden schon heute deutlich mehr Strom aus erneuerbaren Energien, als wir verbrauchen können. Um der allseits gefürchteten Dunkelflaute zu begegnen, müssen wir auf Biomethan aus unseren Biogasanlagen und auf die Stromspeicherung in Batteriespeichern setzen. Oder auf Frau Reiches Gaskraftwerke, aber das kann ja keiner wollen.
Diese Technologien sind schon heute vorhanden, wir kommen nur nicht so recht voran. Wir können es uns aber nicht leisten, bei den aktuellen Technologien auf die Bremse zu treten, weil wir auf die eine große Technologie in der Zukunft hoffen. Es ist gut und richtig, dass Deutschland eine aktive Rolle in der weltweiten Forschungsgemeinschaft im Bereich der Fusionsforschung einnimmt. Aber wir müssen hier im Norden einen anderen Fokus haben, um aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Und da denke ich: eine bundesweite Allianz zur Erforschung von Energiespeichern wäre genauso wichtig. Oder eine Allianz mit Dänemark, wo wir viel über Biomethanproduktion aus Rest- und Abfallstoffen lernen könnten. Das würde ganz konkret in den nächsten Jahren einen Beitrag zur Energiesicherheit leisten und die Energiewende weiter voranbringen. Von der Kernfusion, die vielleicht in 30 Jahren unbegrenzt sauberen Strom liefern wird, kann so lange träumen, wer mag.