Rede · 25.02.2022 Die berufliche Bildung darf kein Stiefkind mehr sein

„Berufliche Bildung als eine wesentliche Säule für ein selbstbestimmtes, zufriedenes und gelingendes Leben spielt mit vielen statistischen Leerstellen nur eine Nebenrolle im Bildungsbericht; berufliche Bildung ist irgendwie nur mitgemeint.“

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 22, 23 - Gleichstellung der allgemeinen und der beruflichen Bildung auch in der Berichterstattung (Drs. 19/3637)

Berufliche Bildung als eine wesentliche Säule für ein selbstbestimmtes, zufriedenes und gelingendes Leben spielt mit vielen statistischen Leerstellen nur eine Nebenrolle im Bildungsbericht; berufliche Bildung ist irgendwie nur mitgemeint. Das ist so, wenn ich „liebe Eckernförder“ sagen würde, und die „Eckernförderinnen“ irgendwie mitmeinen würde. Dieser Weg funktioniert nicht. Wer berufliche Bildung einen Nachrang einräumt, verspielt wichtige Chancen der Steuerung und der Anerkennung dessen, was in den beruflichen Schulen unseres Landes geleistet wird. 
Das ist eine großer, blinder Fleck, was sich über viele Jahre hinweg schleichend entwickelt hat.  Eine konsequente Gegensteuerung ist und war nicht zu erkennen. Das ist ein Versäumnis über Jahrzehnte. Nun wird es dringend Zeit, dass sich allgemeine und berufliche Bildung annähern. 
Die berufliche Bildung ist fragmentierter als die allgemeine Bildung, was Bildungsgänge, Abschlüsse und regionale Verteilung angeht. Gerade vor diesem Hintergrund ist eine überregionale Vernetzung und die Einbindung von Handwerkskammern und Innungen besonders wichtig. Große Klassen voller angehender Einzelhandelskaufleute stehen sehr kleinen Klassen in einigen Spezialberufen gegenüber. Um ein paar Beispiele zu nennen, die Bootsbauerinnen, Optiker und die Schuhmacher:innen, das sind die kleinen Klassen, die wir haben, die wir unbedingt erhalten sollten! 
Berufsbildende Schulen und allgemeinbildende Schulen gehören zum gleichen System und sollten daher beide mit den gleichen Qualitätsmaßstäben gemessen werden. 
Und die lauten: wie hoch ist die Absolventenquote? Junge Menschen ohne qualifizierten Abschluss haben auf einem Arbeitsmarkt, der immer technischer und digitaler wird, keine Chance. Genau deswegen müssen die Anstrengungen verstärkt werden, damit möglichst viele Schülerinnen und Schüler ihre Ausbildung beenden. Traurige Tatsache ist aber, dass in Zeiten des Fachleutemangels immer noch jede bzw. jeder achte Jugendliche das Ausbildungsverhältnis ohne Berufsabschluss beendet. Begleitende Hilfen, inhaltlicher, pädagogischer, aber auch finanzieller Art, wären hier angezeigt, fehlen aber an vielen Orten. Da passiert einfach zu wenig. Einzelne Bildungsberater:innen der Kammern leisten enorm viel, geraten aber auch an ihre Grenzen. Das Wirtschaftsministerium muss hier viel aktiver werden. Ich meine vor allem das neue Schleswig-Holsteinische Institut für Berufliche Bildung, das den betrieblichen und den schulischen Teil der beruflichen Bildung unter einem Dach vereint. Laut seiner Pressemitteilungen arbeitet der Wirtschaftsminister daran, dass die berufliche Bildung in Schleswig-Holstein immer besser wird, aber auch das kann den Geburtsfehler der Behörde nicht beheben. Solange die Dienstaufsicht beim Wirtschaftsminister, die Schulaufsicht aber bei der Bildungsministerin bleibt, wird es keine vollwertige Anerkennung der beruflichen Bildung geben. 
Damit komme ich zu meinem letzten Punkt: 
Wir brauchen zukunftsfeste und -fähige berufliche Bildung, um auch neue Berufsbilder wie die neuen grünen Berufe zu stärken. Ohne Fachkräfte wird uns ein Ausstieg aus den fossilen Energien und ein Einstieg in die erneuerbaren Energien, da wo wir ihn noch nicht haben, nicht gelingen.  

Gerade darum ist eine Gleichstellung der beruflichen Bildung als gleichberechtigte, zweite Säule der Bildung besonders wichtig. Aus Wertschätzung erwachsen Strukturen. 
Darum bitte ich Sie, unserem Antrag zu folgen und die allgemeine und berufliche Bildung in der Berichterstattung gleichzustellen. Das ist ein überfälliger, erster Schritt.

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