Rede · 17.06.2020 Familien brauchen ein Mindestmaß an Planungssicherheit

Statt sich im August mit den Trägern zusammenzusetzen, müssen hier und jetzt konkrete Maßnahmen für die Sicherheit der Kinder erarbeitet werden. Denn der Druck für viele Eltern und Kinder ist schon heute groß.

Jette Waldinger-Thiering: TOP 42+45 - Familien, Alleinerziehende und Kinder in der Coronakrise stärker unterstützen, Unterstützung der Familien in der Coronakrise (Drs. 19/2218 und 19/2221)

Allen ist bewusst, dass uns das Corona-Virus vor nie dagewesene Herausforderungen stellt. Die Auswirkungen dieser Pandemie sind riesig und treffen im Grunde alle Mitglieder unserer Gesellschaft. Gleichzeitig sind aber nicht zuletzt die wirtschaftlichen Folgen für die Menschen sehr unterschiedlich. Deshalb haben wir in den vergangenen Wochen viel darüber diskutiert, welchen gesellschaftlichen Gruppen wie geholfen werden muss. Das ist auch gut und richtig, weil weder Bund noch Länder über unbegrenzte Finanzmittel verfügen. Und doch bleibt es in all der Hektik und Unruhe besonders wichtig, auch an die Menschen zu denken, die ihre Interessen nicht so lautstark äußern können. 

Für den SSW ist völlig klar, dass viele Familien zu dieser Gruppe gehören. Und deshalb ist es auch so wichtig, dass wir hier und heute darüber reden, wie wir sie in Zeiten von geschlossenen Betreuungseinrichtungen und wochenlangem Homeoffice entlasten können. Aber weil wir schon zum letzten Plenum einen sehr ähnlichen Antrag eingebracht haben, will ich hier auch an Obdachlose oder an Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen erinnern. Auch sie sind von der Krise hart getroffen. Und auch sie schaffen es kaum, sich im gleichen Maße Gehör zu verschaffen, wie andere gesellschaftliche Gruppen, die vielleicht einfach nur besser organisiert sind. Für uns steht fest, dass diese Menschen nicht noch weiter an den Rand gedrängt werden dürfen und unsere Hilfe brauchen. 

Es ist keine Frage, dass Eltern von Kita- oder schulpflichtigen Kindern seit Wochen Großartiges leisten. Viele übernehmen schlicht und ergreifend zwei Jobs: Neben ihrem eigentlichen im Homeoffice auch den des Erziehers oder der Lehrerin. Da ist es doch kein Wunder, wenn man an Grenzen stößt und langsam einfach nicht mehr kann. Deshalb ist es auch nur folgerichtig, wenn wir uns schnell auf Hilfen verständigen, bis Schulbetrieb und Arbeitswelt wieder halbwegs normal laufen. Aber die Betonung muss auf dem Wort „schnell“ liegen. Denn viele Familien sind längst am Ende ihrer Kräfte. Und das wird sich eben kaum dadurch ändern, dass sie vorübergehend etwas mehr Kindergeld bekommen. 

Ich will nicht falsch verstanden werden: Natürlich sind ein Kinderbonus oder erweiterte Möglichkeiten, in Teilzeit arbeiten zu können, in einer solchen Krise sinnvoll. Das gilt auch für den Ansatz, das Kinderkrankengeld familienfreundlicher zu regeln. Denn auch hier stehen Eltern durch Corona vor besonderen Herausforderungen. Die bisher geltenden 10 Kinderkrankentagen dürften für viele Familien jedenfalls kaum reichen. All diese Maßnahmen bringen Familien größere Flexibilität. Aber diese Flexibilität bräuchten viele schon jetzt. Und deshalb muss Berlin dringend liefern. 

Aus Sicht des SSW ist aber auch gerade dort, wo wir als Land direkt verantwortlich sind, mehr Tempo nötig. Natürlich müssen wir mehr darüber lernen, wie sich dieses Virus bei Kindern und Jugendlichen ausbreitet. Und deshalb ist es doch dringend geboten, gerade mit den Einrichtungen, die Erfahrungen durch die Notbetreuung haben, eigene Testreihen zu starten. Doch nicht nur hier muss schneller gehandelt werden. Auch das Konzept zum Umgang mit einer möglichen zweiten Welle sollte schneller kommen. Statt sich im August mit den Trägern zusammenzusetzen, müssen hier und jetzt konkrete Maßnahmen für die Sicherheit der Kinder erarbeitet werden. Denn der Druck für viele Eltern und Kinder ist schon heute groß. Sie brauchen zumindest ein kleines bisschen Planungssicherheit und die Gewissheit, dass ihre Kinder bald wieder in den Bildungseinrichtungen betreut werden können. 

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