Rede · 16.12.2021 Gesundheitsfachberufe werden nur durch eine umfassende Reform gestärkt

„Es sollte keine Rolle mehr spielen, in welchem Bundesland eine Altenpflegerin oder ein Altenpfleger arbeitet: Rahmenbedingungen, Aufstiegschancen und auch eine existenzsichernde Bezahlung vom ersten Tag der Ausbildung an, müssen in ganz Deutschland gewährleistet werden.“

Christian Dirschauer zu TOP 25 - Schulgeldfreiheit in den Gesundheitsfachberufen sicherstellen (Drs. 19/3482)

Gesundheitsfachberufe werden von den Bundesländern geregelt. Die Konsequenz daraus ist ein unübersichtliches und detailverliebtes Gestrüpp aus vielen Einzelregelungen. 
Schleswig-Holstein hat bereits 2019 die Schulgeldfreiheit durch eine Richtlinie abgesichert. Damals verwies der Gesundheitsminister richtigerweise darauf, dass damit der Bund nicht aus seiner Verpflichtung entlassen sei, sondern in die Finanzierung einsteigen müsse. Der vorliegende Antrag bekräftigt diesen Ansatz.
Inzwischen haben wir eine andere Bundesregierung und diese hat in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, dass vollzeitschulische Ausbildung vergütet und frei von Schulgeld zu sein habe. Ich bezweifle, ob das ausreichend ist. Die Gesundheitsfachberufe müssen endlich ihre Sonderrolle aufgeben. Wir sollten alle Gesundheitsfachberufe in das System der beruflichen Erstausbildung integrieren. Ich halte es für falsch, mit immer neuen Reförmchen den Wildwuchs weiter zu führen und den Sonderweg letztlich nur zu verstetigen. 
Es sollte keine Rolle mehr spielen, in welchem Bundesland eine Altenpflegerin oder ein Altenpfleger arbeitet: Rahmenbedingungen, Aufstiegschancen und auch eine existenzsichernde Bezahlung vom ersten Tag der Ausbildung an, müssen in ganz Deutschland gewährleistet werden. Die Berufsbezeichnungen müssen einheitlich gestaltet werden, die internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse muss endlich umgesetzt werden und die Ausbildung der Ausbilder und Ausbilderinnen fachlich abgesichert werden. 
Das alles kann meines Erachtens nur gelingen, wenn die Gesundheitsfachberufe in das System der Dualen Ausbildung integriert werden. Auf diesem Weg wird auch die Qualität der praktischen Ausbildung gesichert werden. 
Damit möchte ich nicht den derzeitigen Ausbildungsstandard in Schleswig-Holstein schlecht reden. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir die Gesundheitsfachberufe nicht zukunftsfähig machen, indem wir so weitermachen wie bisher. Nur weil etwas seit vielen Jahrzehnten getrennt war, muss man das nicht in gleicher Weise weiterführen. Dazu gehört auch die Überhöhung der Berufe. Der besondere Dienst am Menschen wird immer dann betont, wenn es um bessere Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen geht. Damit wird die Selbstausbeutung verherrlicht und gleichzeitig der Burnout vorprogrammiert. 
Wir müssen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie den Mut fassen, gemeinsam mit den anderen Bundesländern eine richtige und weitreichende Reform anzugehen, die die Gesundheitsfachberufe in das duale System eingliedert. 
Die Schulgeldfreiheit kann daher nur ein allererster Schritt sein.
Was steht noch an? Erstens die Sicherung der Mitbestimmung der Auszubildenden. Zweitens, die Durchlässigkeit der Bildungswege und drittens die Akademisierung der Gesundheitsfachberufe. 
Berufsqualifizierende Abschlüsse in den Gesundheitsfachberufen sollten den Zugang zu den Hochschulen ermöglichen. Längst nicht alle Menschen in diesen Berufen werden dieses Angebot annehmen. Müssen sie auch nicht; aber diejenigen, die es wollen, könnten es dann. Wir sollten die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der qualitativen Sicherung der Arbeit in den Gesundheitsfachberufen ernst nehmen. Die Akademisierung wäre in meinen Aufgaben der richtige Schritt. Das würde auch einen anderen Effekt haben: die Etablierung der Berufsbildungsforschung und eine vernünftige Berufsbildungsberichterstattung. Dies Gesundheitsfachberufe entwickeln sich stetig weiter und passen sich verändernden Rahmenbedingungen an. Dabei muss untersucht und auf wissenschaftlicher Grundlage beurteilt werden, ob diese Anpassungsleistungen adäquat sind. 
Für uns alle sollte das Ziel klar sein: Gesundheitsfachberufe werden nur durch eine umfassende Reform gestärkt. 
Unterbleibt dieser Schritt, werden wir ein massives Nachwuchsproblem bekommen. Dagegen ist die derzeitige Situation ein Kinderspiel. In den Berufen gibt es einfach sehr viele Probleme: Weder die Arbeitsbedingungen, noch die enormen Belastungen oder die geringe Vergütung machen die Gesundheitsfachberufe attraktiv. Das wissen wir seit langem. Darum muss es jetzt um die qualitative Sicherung der Arbeit gehen und um die deutliche Verbesserung der Aufstiegschancen.

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