Rede · 28.09.2022 Moderne und effektive Besucherlenkung und Wissensvermittlung helfen den Naturlebensräumen

„Die unterschiedlichen Naturräume sind ein Pfund für Schleswig-Holstein und das wollen wir den Menschen nicht vorenthalten. Die Frage ist daher, wie bekommen wir den gestiegenen Erholungsbedarf und Wunsch nach Natur mit seinen daraus resultierenden Herausforderungen unter einen Hut.“

Christian Dirschauer zu TOP 08 - Bericht über die Auswirkungen eines durch Corona geänderten Freizeitverhaltens auf die Natur (Drs. 20/152 (neu))

Die strengen Restriktionen, die eingeschränkten Reisemöglichkeiten und die generellen Einschränkungen des öffentlichen Lebens während der Coronapandemie haben das Freizeitverhalten in weiten Teilen der Bevölkerung verändert. Das konnten wir auch in Schleswig-Holstein merken. Zum einen war festzustellen, dass die eingeschränkte Mobilität, nicht zuletzt durch die verstärkte Nutzung des Homeoffice, aber auch durch den drastischen Rückgang des Luftverkehrs dazu geführt hat, dass Treibhausgas-Emissionen in der Zeit rückläufig waren. 
Aber gerade durch die Einschränkungen hat sich auch das Freizeit- und Ferienverhalten dahingehend verändert, dass Urlaub in Übersee oder am Mittelmeer nicht angetreten wurde. Stattdessen wurde Geld in Wohn- oder Campingwagen investiert und es wurden verstärkt die heimischen Urlaubsdestinationen angefahren. Auch wenn wir in den Jahren zuvor bereits einen Zuwachs im Tourismusbereich verzeichnen konnten, wirkten die Restriktionen wie ein Booster für die Tourismuswirtschaft bei uns im Land. Dazu kam eine vorher nicht gekannte Größe an Tagestouristen und Ausflüglern hinzu, die es plötzlich in die Natur zog. Raus aus den eigenen vier Wänden und ab in die Natur. Angesichts der Einschränkungen war es niemandem zu verdenken. 
Es zog die Menschen in die umliegenden Natur-Hotspots, in die Natur- und Landschaftsgebiete, an die Strände oder in die Wälder. Mit diesem neuen Freizeitverhalten entstand ein entsprechender Druck auf die Natur. Denn vielen Leuten war nicht bewusst, wo sie langlaufen, was sie zertrampeln, welchen Lärm sie verursachen oder dass sie schlicht durch ihre Anwesenheit Tiere in ihrem Lebensraum stören. Dieses Phänomen gab es nicht nur in Schleswig-Holstein, es war bundesweit zu verzeichnen. Inwieweit dieser Druck auf die Natur in diesem Umfang weiter bestehen bleibt, wird sich jedoch erst zeigen. 
Gleichwohl konnten wir bei uns oben an der Geltinger Birk bereits vor Corona einen Zuwachs an Tagestouristen verzeichnen, der so kaum noch zu bewältigen ist. Der Nutzungsdruck ist in den Jahren immer weiter gestiegen, so dass Verantwortliche vor Ort vor dem Problem stehen, wie sie Herr der Lage bleiben sollen. Die verkehrliche Infrastruktur ist überlastet – es fehlt insbesondere an Parkraum in Strandnähe – und die Toleranz bei den Anwohnern sinkt mit der Zunahme an Besuchern. Was einst ein idyllisches und seltenes Fleckchen für Ornithologen war, hat sich immer weiter zu einem dieser Natur-Hotspots entwickelt. Neben der schönen Natur lassen sich dort Robust-Rinder und Wildpferde bei der Landschaftspflege beobachten. Für viele Familien ein Ausflug in die Natur mit Eventcharakter. Auch wildes Campen oder freilaufende Hunde haben sich dort zu einem Problem entwickelt. 
Für den SSW möchte ich ganz klar sagen: wir begrüßen es, wenn Menschen die Natur bei uns genießen wollen, um dem Alltag zu entfliehen oder um zu entschleunigen. Die unterschiedlichen Naturräume sind ein Pfund für Schleswig-Holstein und das wollen wir ihnen nicht vorenthalten. 
Die Frage ist daher, wie bekommen wir den gestiegenen Erholungsbedarf und Wunsch nach Natur mit seinen daraus resultierenden Herausforderungen unter einen Hut. 
Es wird keine gleichlautende Lösung für Schleswig-Holstein geben, das ist klar. So unterschiedlich wie die Naturräume sind, ist auch der Andrang in den Gebieten. Das heißt, vieles zur Lösung der Probleme muss vor Ort geregelt werden. Ich glaube, darauf sind die Gemeinden auch eingestellt, denn sie kennen die Lage vor Ort am besten. Es muss aber ihre Entscheidung bleiben, wie sie sich den Herausforderungen stellen wollen. Aber angesichts der teilweise massiven Probleme mit dem Besucherandrang wünschen sich die Kommunen eine entsprechende Unterstützung und Beratung. Es ist also die Frage, mit welchen Maßnahmen die Landesregierung den Kommunen oder den Aktivregionen unterstützend zur Seite stehen kann. Wie sieht eine moderne und effektive Besucherlenkung aus? Wie kann eine moderne Aufklärung und Wissensvermittlung aussehen, gerade dort, wo es sich um sensible und geschützte Naturlebensräume handelt. Oder wie lassen sich Naturschutzverbände in diese Arbeit einbinden? 
Wenn es um Lösungsansätze geht, muss das Rad nicht immer neu erfunden werden. Wie gesagt, bundesweit war dieses Phänomen in Coronazeiten zu verzeichnen. Das heißt, ein bundesweiter Erfahrungsaustausch bei den Gemeinden, Städten und Regionen könnte ebenfalls durchaus hilfreich sein. 

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