Rede · 19.06.2024 Noch viele Baustellen in Sachen Frauengesundheit

„Genügt das unserem Anspruch, dass wir kranken Menschen erst nach Jahren auf einer Warteliste helfen?“

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 7 - Frauengesundheit in Schleswig-Holstein (Drs. 20/2093)

Zunächst einmal möchte ich den fleißigen Mitarbeitenden danken für die viele Arbeit, die in die Beantwortung dieser großen Anfrage geflossen ist. 
Beim ersten Lesen dachte ich: läuft doch alles. Aber beim genaueren Lesen dachte ich das dann nicht mehr. Immerhin ist es in der Medizin heute kein Geheimnis mehr, dass Frauen eben nicht funktionieren wie Männer und das wird auch in den entsprechenden Ausbildungen und Studiengängen gelehrt. 
Da sind wir sicherlich weitergekommen in den vergangenen 20 Jahren. 
Auch die medizinische Versorgung für Frauen im Land ist auf den ersten Blick gut. Und doch ist das eben nur die halbe Wahrheit. Haben Sie mal versucht, einen Platz bei einem Psychotherapeuten zu vereinbaren? Das tut man ja meist nicht in einer Lebenslage, in der man vor Ressourcen nur so sprüht. Und viele Menschen, nicht nur Frauen, aber diese insbesondere, weil sie noch häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen sind, machen dann Erfahrungen mit ellenlangen Wartelisten. 
Im vorliegenden Bericht wird festgestellt, dass es teilweise jahrelange Wartelisten für Tageskliniken und andere ambulante Angebote gibt. Aber die Qualität der Versorgung sei durchgehend gut. Aber ist das gut, wenn man erst nach Jahren therapeutische Hilfe bekommt? Laut KVSH sind zwar alle Kassensitze im Bereich Psychotherapie besetzt, aber ist das nicht sehr theoretisch, wenn die Menschen trotzdem unversorgt bleiben? Genügt das unserem Anspruch, dass wir kranken Menschen erst nach Jahren auf einer Warteliste helfen?
Auch im Bereich der Mammografie fiel mir das auf. Da heißt es im Bericht, es gäbe keine Wartezeiten im Bereich des Screenings. Außerhalb komme es aber zu Wartezeiten. Es kommt zu Wartezeiten. Das klingt erstmal harmlos. Das heißt aber, dass eine Frau, die heute beim Radiologen anruft, im März 2025 einen Termin bekommt. Ist das ausreichend? Vermutlich sind auch bei den Radiologen alle Kassensitze besetzt. Aber fehlen dann nicht einfach Kassensitze? Hier lassen wir die betroffenen Frauen mit einem offensichtlichen Versorgungsmangel allein. 
Apropos Versorgungsmangel: Das Thema Schwangerschaftsabbrüche war in den letzten Jahren recht präsent, ausgelöst vom neuen Flensburger Zentralkrankenhaus, das keine Abbrüche mit sozialer Indikation mehr durchführen will. Über die Versorgungsstruktur in Flensburg wird also ohnehin noch zu sprechen sein. Aber haben Sie mal nach Dithmarschen geschaut? 
Da gibt es nichts. Einfach kein Angebot. Weder ambulant noch stationär. Da muss man eben mobil sein. Aber ist es wirklich so einfach? Wir sprechen von Frauen in schwierigen Lebenssituationen. Müssen wir da nicht Anreize bieten für Ärztinnen und Ärzte, dass diese auch im ländlichen Raum ein Angebot vorhalten? Auch hier lassen wir Frauen allein und verweisen darauf, dass es doch insgesamt ausreichend Angebote gibt.

Verweisen tut der Bericht auch bei der Periodenarmut, nämlich auf die Zuständigkeit anderer. Auf die Frage: gibt es in Einrichtungen des Landes kostenlose Menstruationsartikel, lautet die Antwort: Nein. Aber haben wir nicht genau das in 2022 beschlossen? Ich zitiere aus unserem gemeinsamen Antrag: Der Schleswig-Holsteinische Landtag bittet die Landesregierung darauf hinzuwirken, dass Menstruationsartikel in öffentlichen Einrichtungen des Landes kostenlos zur Verfügung gestellt werden. 
Passiert ist hier nichts. Das ist entschieden zu wenig!  
Wir können festhalten: die Frauen werden als Gruppe im Gesundheitsbereich zwar öfter gesehen als früher, aber alle Probleme löst das noch lange nicht. Wir beantragen daher Ausschussüberweisung, um das Thema dort noch einmal in der gebotenen Ausführlichkeit zu erörtern.

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