Rede · 25.11.2021 Ohne ordentliche Arbeitsbedingungen keine Erzieherinnen

„Wer in Kiel arbeitet, muss sich die Kieler Mieten leisten können – bei vielen Kita-Erzieherinnen klappt genau das nicht. Existenzsichernde Löhne sind ein Grundpfeiler für die Attraktivierung des Berufsfeldes Erziehung.“

Jette Waldinger-Thiering zu TOP 23, 30 - Ausbildungsoffensive im Berufsfeld Erziehung starten (Drs. 19/3382)

Ich weiß nicht, was die Eltern, die letzte Woche vor dem Landtag demonstriert haben, zum vorliegenden Antrag der regierungstragenden Fraktionen gesagt haben. Viele Kita-Eltern sind sehr besorgt, dass sie politische Versäumnisse ausbaden müssen und mit unzuverlässigen oder, was noch schlimmer ist, fehlender Kita-Betreuung in den nächsten Jahren rechnen müssen. Diese Eltern haben demonstriert, weil sie handfeste Maßnahmen und eine Ausbildungsoffensive fordern, die ihren Namen zu Recht trägt – eine Offensive, die merkbare Effekte hat. 
Die regierungstragenden Fraktionen bieten in dem zweitseitigen Antrag allerdings herzlich wenig Konkretes an. Tatsächlich wird nach 45 Zeilen Begrüßen und Tollfinden nur zwei Dinge gefordert: ein Prüfantrag zur Dualisierung der SPA-Ausbildung und die Identifizierung von Hürden, beispielsweise beim BAföG. 
Beim Identifizieren kann ich übrigens helfen: das elternabhängige BaföG ist tatsächlich für viele Scheidungskinder eine massive Hürde, wenn sie die SPA-Ausbildung beginnen wollen. Wenn die Eltern zu viel verdienen, dann gibt es nämlich keine Förderung. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Vater oder die Mutter überhaupt Kontakt haben und sich der Unterhaltspflicht stellen. Diese krasse Ungerechtigkeit, die schon seit Jahren Menschen vom Erzieherberuf fernhält, muss umgehend geändert werden. Das wäre eine konkrete Änderung, die wirklich umgehend einen positiven Effekt hätte und auch Menschen eine Perspektive gewährt, die sich heute die SA-Ausbildung nicht leisten können. 
Inzwischen haben aber auch einige Kommunen konkrete Maßnahmen vorgelegt. Die Gemeinde Rieseby hat beispielsweise eine SPA-Stelle eingerichtet, um als Kitaträger die Dorfentwicklung weiterzubringen. Ich empfinde das als ein wunderbares Vorbild, das Eltern von kleinen Kindern wirklich eine messbare Unterstützung gewährt. Nur mittels Fachkräften kann nämlich eine qualitative Unterstützung von Kindern aufrecht erhalten bleiben. Das möchte ich an dieser Stelle ganz deutlich sagen: das Wohl der Kinder sollte in allen Fragen der Kinderbetreuung im Vordergrund stehen. Und das Wohl hängt von einem guten Personalschlüssel ab und von einer fachlich angemessenen Ausbildung. In die alten Zeiten der Kinderaufbewahrung will ja wohl niemand mehr zurück.
Auch auf der Nachfrageseite hat sich übrigens gezeigt, dass Rieseby den richtige Weg geht: es waren nämlich sehr viele Bewerbungen in Rieseby eingegangen. Die Beschäftigten wollen sich durchaus qualifizieren; und gerade auch im ländlichen Raum. Auch von der Beschäftigtenseite ist das, was Rieseby macht, also ein Erfolgsmodell. Nicht schnacken, sondern machen. 
Man kann hier auch gut erkennen, wie sich ein Kitaträger sich der Verantwortung stellt; nicht nur Eltern und das Land sind derzeitig gefragt, wenn es um die Sicherstellung einer guten und qualitativen Betreuung geht. Die Kitaträger wissen außerdem vor Ort viel besser, welche Maßnahmen sie benötigen. Sie müssen allerdings auch in den Stand versetzt werden, dass sie das schaffen. 
Sprechen wir daher über Geld. Das ist der einzige Punkt, der bei den regierungstragenden Fraktionen merkwürdigerweise keine Rolle spielt. Wir brauchen Tarifverträge in dem Bereich, damit der Beruf nicht mehr länger ein Zuverdienerin-Frauenberuf bleibt, sondern existenzssichernde Löhne ermöglicht. Wer in Kiel arbeitet, muss sich die Kieler Mieten leisten können – bei vielen Kita-Erzieherinnen klappt genau das nicht. Existenzsichernde Löhne sind ein Grundpfeiler für die Attraktivierung des Berufsfeldes Erziehung.
Wir brauchen daher eine vergütete Ausbildung vom ersten Tag an, so wie es der SPD-Antrag fordert. Alles andere ist Selbstausbeutung und macht den Beruf langfristig völlig unattraktiv. Werfen Sie doch einmal einen Blick in den Stellenmarkt am Sonnabend in der Tageszeitung. Da werden Fachkräfte von vielen Kitas händeringend gesucht. Das wird sich weiter verschärfen, weil die Ausbildung mit Kitaausbau und Verrentungswelle nicht mehr Schritt hält. Bereits jetzt fehlen viele Kräfte, so dass bei Krankheit ganze Gruppen geschlossen werden müssen. Ich kenne die genaue Zahl nicht, aber ich weiß, es sind viele: viele Kitas weisen Kinder ab und kappen ihre Wartelisten, weil sie einfach kein geeignetes Personal mehr bekommen. Kein Wunder also, dass sich eine erfahrene Kraft die besten Bedingungen aussuchen kann. Und das ist völlig richtig so, denn bei Fachkräften im Handwerk ist das schon etwas länger so.
Die Rahmenbedingungen im Berufsfeld Erziehung stimmen hinten und vorne nicht. Das müssen auch die regierungstragenden Fraktionen anerkennen. Darum lehnen wir diesen Antrag ab.

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