Rede · 08.05.2026 Invasive Arten regulieren!

„Die Mittel zur Bekämpfung der Nutria für den Deichschutz und die Schilfgürtel sind gut investiert. Aber wir brauchen auch eine spezifische Strategie für den Insel- und Halligschutz, um Waschbär und Marderhund wirksam zu begegnen und unsere letzte Bastion des Vogelschutzes von Wat- und Wiesenvögeln zu verteidigen.“

Dr. Michael Schunck zu TOP 53 - Regulierung invasiver Arten stärken – Nutria, Marderhund und Waschbär (Drs. 20/4401)

Dass die Landesregierung 50.000 Euro für die Regulierung invasiver Arten bereitstellt, ist ein richtiger Schritt, den der SSW ausdrücklich unterstützt.
Lassen Sie mich eines vorab unterstreichen: 
Die Gefahr, die von der Nutria für unseren Küsten- und Uferschutz ausgeht, darf nicht kleingeredet werden. Diese Tiere sind keine harmlosen Wasserbewohner, sondern durch ihre massive Wühltätigkeit eine reale Bedrohung für die Standsicherheit unserer Deichanlagen und Uferböschungen. Wenn Deichfüße ausgehöhlt werden, riskieren wir die Sicherheit der Menschen hinter den Deichen. Die Unterstützung der Jägerschaft bei der Fallenjagd ist hier eine reine Maßnahme der Gefahrenabwehr, die wir vollumfänglich mittragen.
Doch werfen wir einen Blick auf die anderen im Titel genannten Arten: 
Den Waschbären und den Marderhund. 
Während die Nutria im Text ausführlich behandelt wird, bleiben diese beiden Neozoen fast gänzlich unerwähnt. Dabei ist der Waschbär ein hocheffizienter, opportunistischer Allesfresser, der durch seine Kletterfähigkeit sogar Nester in Bäumen erreicht und dort Gelege plündert, die für andere Raubsäuger unerreichbar sind.
Noch kritischer ist jedoch die Lage bei den Bodennahen- und ausnahmslosen Bodenbrütern. Diese werden von allen genannten Neozooen direkt oder indirekt bedroht.
Die Nutria unterhöhlt nämlich nicht nur Deiche und Böschungen, nein, sie vernichtet durch massiven Fraß auch die Schilfgürtel, was nicht nur die natürliche Uferbefestigung schwächt, sondern die Kinderstube unserer Vogelwelt zerstört. 
Wenn das Schilf stirbt, verschwinden der Rohrsänger, das Blässhuhn und der Haubentaucher. Besonders dramatisch ist es um die Rohrdommel bestellt, die auf der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft ist.
Doch die existenziellste Bedrohung für unsere heimische Vogelwelt geht vom Marderhund aus. Die Populationsdichte des Marderhundes hat sich seit 2010 von ursprünglich ~850 Tieren landesweit auf mittlerweile mehr als 10.000 Tiere erhöht, was anhand von zur Strecke gebrachten Marderhunden pro Jahr belegt ist. 
Wir müssen uns daher klarmachen: 
Unsere Nordseeinseln und Halligen sind derzeit die letzte Bastion für den Bruterfolg vieler bedrohter bodenbrütender Arten. Während auf dem Festland die Verluste durch Fuchs und Marderhund so hoch sind, dass kaum noch Jungvögel flügge werden, dienen die Inseln relativ frei von diesen Hauptprädatoren als ökologische „Source-Populations“.
Hier finden Limikolen wie die Uferschnepfe, der Sandregenpfeifer, der Rotschenkel und der Kiebitz sowie seltene Seeschwalbenarten noch die Bedingungen vor, die sie für eine erfolgreiche Reproduktion benötigen.
Küsten-, Lach- und Brandseeschwalben und die genannten Limikolen stehen allesamt wie die Rohrdommel als stark gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Vogelarten auf der Roten Liste für vom Aussterben bedrohte Tiere.
Die Inseln und Halligen sind das Reservoir, aus dem heraus die Bestände auf dem Festland überhaupt erst wieder gestärkt werden könnten. Wenn wir zulassen, dass der Marderhund auch diese letzten Rückzugsräume dauerhaft besetzt, besiegeln wir das Ende dieser Arten in unserem Land.
Ein einzelner Marderhund kann in einer Nacht eine ganze Brutkolonie vernichten, da die Gelegedichte auf den begrenzten Flächen der Halligen enorm hoch ist. Die Tiere wandern über Lorendämme ein oder schwimmen durch Priele. Herkömmliche Elektrozäune und die klassische Fallenjagd reichen hier nachweislich nicht mehr aus, um diese sensiblen Räume „marderhundfrei“ zu halten.
Wir fordern daher, die Bejagung nach dem skandinavischen Vorbild des „Nordic-Baltic-Racoon-Dog-Projects“ auszuweiten. Wir brauchen moderne Methoden wie den Einsatz von Wärmebildkameradrohnen aus dem finnischen Helmi-Programm und sollten uns auch nicht scheuen Tiere als Lockvögel für Artgenossen einzusetzen wie im Racoon-Dog-Project.
Wenn wir bei der Katzenschutzordnung Sterilisationen zur Bestandskontrolle akzeptieren, dann muss uns der Schutz unserer vom Aussterben bedrohten Bodenbrüter auf den Inseln ebenso konsequente Maßnahmen wert sein. Wir dürfen nicht warten, bis die letzte „Source-Population“ zusammenbricht.
Daher sage ich, die Mittel zur Bekämpfung der Nutria für den Deichschutz und die Schilfgürtel sind gut investiert. 
Aber wir brauchen auch eine spezifische Strategie für den Insel- und Halligschutz, um Waschbär und Marderhund wirksam zu begegnen und unsere letzte Bastion des Vogelschutzes von Wat- und Wiesenvögeln zu verteidigen.

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